Europa, wie geht es mit dir weiter?

Sozialpsychologie im Kontext von Sozialpolitik, Lokalpolitik, Europapolitik und Weltgeschehen. Politik und Gesellschaft; und deren Mechanismen im Fokus der Psychologie. Politische und gesellschaftliche Entwicklung, Europäische Integration, weltweite Politik und Integrationspolitik innerhalb Europas.
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Anders_son
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Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Anders_son »

Ich frage mich schon seit einiger Zeit, wie es jetzt mit Europa weiter geht. Ständig habe ich das Gefühl von mehreren
Regierungen "regiert" und "abgezockt" zu werden.

Man ist nicht an einem freiheitlichen Europa. sondern mehr an einer farblosen Kopie eines asiatischen Großreiches
interessiert.
Ständig wurde in den letzten Jahren die Verantwortung zwischen den Nationalstaaten und der EU hin- und hergeschoben.
EU-Recht soll ja angeblich vor nationalem Recht stehen. Für einen endgültigen Urteilsspruch wird irgendwann
ein ganzes Leben draufgehen. :hea:

Ist das EU-Parlament bloß eine Beschaffungsmaßnahme für Politiker der nationalen Staaten? Wieso existieren die
Nationalstaaten mit diesem unglaublichen Personal und Verwaltungsapparat weiter? Baut sich da ein neuer politischer Adel auf?

Wir haben einen Föderalismus mit Bundesländern, den Nationalstaat und darüber noch eine EU. Wir wissen, wie man einen Bleistift
in 5 Stunden spitzt, damit man mit ihm schreiben kann. Allerdings ist das Spitzen unbezahlbar geworden.

Deswegen meine Frage, wie man sich ein Europa der Zukunft vorstellt. Ohne persönliche Wertung der subjektiven Vision.

Meine kühne Vision wäre ja (die natürlich schon jemand anders vor mir hatte) die Nationalstaaten aufzulösen
und tatsächlich ein Europa der Regionen zu schaffen. Alleine dadurch könnte man Milliarden von Geldern einsparen.
Man hätte eine eindeutigere Gesetzgebung und ganz andere Möglichkeiten weltpolitisch zu regieren.
Der dann ehemalige Nationalstaat Deutschland könnte aus mehreren Regionen bestehen, die selber natürlich auch noch
jeweils eine Regierung hätten. Allerdings würden 5-8 solche Regionen für einen Nationalstaat doch ausreichen.
Ja zugegeben, das wäre schon ein ziemlicher Kahlschlag für den öffentlichen Dienst.
Man wäre genötigt, etwas unglaubliches zu unternehmen. Reformen.

Im Grunde wären es die Vereinigten Staaten von Europa, wo wir eine gemeinsame Sprache und viele lokale Sprachen
hätten. Verschiedene Kultur- und Handelsräume. Eine gemeinsame Verteidigung, Einwanderungs- und Umweltpolitik.
Und man könnte die Gleichbehandlung von EU-Bürgern sicherstellen, die ich nicht erkennen kann.
Man erinnert sich. Damals war Deutschland mit das reichste Land in der EU. Natürlich will man uns das heute auch
noch weiß machen. Allerdings kann man sich ja nur mal die Renten, Vermögenswerte und Lebensarbeitszeit in
den verschiedenen Ländern heute anschauen. :shock:

Vielleicht bräuchte man noch eine Schafherde als smiley? Hätte ich jetzt gerne gesetzt. :reit:

Dieses Europa ist so zäh, dass selbst eine einheitliche Regelung für die Umstellung der Sommerzeit fast ein
Lebenswerk darstellt. Das kann doch alles gar nicht sein. :nude:

Die Briten haben sich schon verabschiedet.
Spannend wird es künftig mit Frankreich werden.

Und Deutschland?
Lenin wird folgender Ausspruch zu der Frage „Revolution in Deutschland?" zu geschrieben.

"Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Ähnlich sieht es wohl mit richtigen Reformen aus. Lieber geht man zum katastrophalen Ende.
Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und ich würde es schon toll
finden, wenn es ein "richtiges" Europa geben würde.
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Alexander Solschenizyn

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Janundso
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Janundso »

Oxymon hat geschrieben: 10. Aug 2021, 20:20 Ich frage mich schon seit einiger Zeit, wie es jetzt mit Europa
EU-Recht soll ja angeblich vor nationalem Recht stehen. Für einen endgültigen Urteilsspruch wird irgendwann
ein ganzes Leben draufgehen. :hea:

Funfact: Sollte es dazu kommen, darf man sich legal magische Trüffel aus Holland bestellen.

Die haben das nämlich als Genussmittel eingestuft. Und der freie Warenverkehr ist ein EU-Recht. Bisher gab's da nämlich Diskussionen, ob jetzt das BtMG über dem EU Recht steht oder nicht.
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Marina
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..
Funfact: Sollte es dazu kommen, darf man sich legal magische Trüffel aus Holland bestellen.

Die haben das nämlich als Genussmittel eingestuft. Und der freie Warenverkehr ist ein EU-Recht. Bisher gab's da nämlich Diskussionen, ob jetzt das BtMG über dem EU Recht steht oder nicht.
Na ja, so "fun" finde ich den "fact" jetzt nicht. :shock: Psychodelische Drogen sind nicht harmlos und für einiges an Drogenpsychosen verantwortlich. Die "Bewusstseinserweiterung" ist mitunter derartig dauerhaft und ausufernd, dass der Betreffende keinen Fuß mehr auf die Erde bekommt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn das Zeug frei zu haben ist, wird es für harmlos gehalten werden. Man könnte fast einen eigenen Thread daraus machen.

..

Was nun die Visionen zu Europa angeht, so bin ich noch nicht ganz schlüssig.

Diese (ziemlich philosophische) Betrachtung gefällt mir indes sehr gut:
Variation, Nuancen und Transformation sind die Hauptstärken des Europas der europäischen Integration, aber auch seine Hauptschwächen. Diese Eigenschaften stellen das Europa der europäischen Integration fast täglich aufs Neue vor neue Herausforderungen der Glaubwürdigkeit hinsichtlich seiner Einheit, Solidarität und Widerstandsfähigkeit. Diese Herausforderungen sind harte Herausforderungen, aber sie bieten auch einzigartige Möglichkeiten; Möglichkeiten, den europäischen Menschenrechtsansprüchen und ihren universellen Auswirkungen in der Praxis gerecht zu werden. Chancen, die ergriffen oder verpasst werden können.

Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen sind Dogma, Leichtsinn und Angst sowohl vor Veränderung als auch vor Kontinuität ihre gefährlichsten Feinde. Die Erforschung seiner eigenen Geschichte – im Wesentlichen eine Geschichte der Bewältigung des Niedergangs – und darauf basierende politische und praktische Maßnahmen sind Europas einzige und entscheidende Partner, um neue Inspirationen zu finden, um die Vorstellung einer besseren Welt anzuregen und daran im neuen Alten zu arbeiten, europäische Wege, in den heutigen Realitäten. Dabei sind sowohl Freiheit als auch Handeln entscheidend.

Freiheit

In Conferences of Leuven (1965) behauptet der tschechische Philosoph Jan Patočka, dass die Geschichte einerseits durch Kontingenz und andererseits durch das bestimmt wird, was er „die Logik der zukünftigen spirituellen Zeit“ nennt.

So wie die Endlichkeit den eigentlichen Körper prägt, so sei auch die Geschichte selbst von einer Bewegung der Dekadenz geprägt, gegen die der Mensch aufgerufen sei, in entgegengesetzter Richtung zu kämpfen. Die sich in der Geschichte abzeichnende Alternative ist die Wahl zwischen der Unterwerfung unter das leibliche und biologische Leben als solche und dem Wunsch nach einem Leben in Freiheit. Geschichte ist also die Geschichte des Konflikts zwischen denen, die im Kreis der biologischen Bedürfnisse bleiben, und denen, die sich auf den Kampf der „Opposition gegen den Niedergang“ („ opposition au déclin “) einlassen, die menschliche Existenz.

Unsere Zeit zu verstehen ist nichts anderes als der Beginn des Handelns.

Tatsächlich ist jede historische Bewegung als eine Bewegung der Loslösung von der Dekadenz konfiguriert, „Wiedergutmachung“, wie Patočka schreibt. Und doch wird jedes Mal, wenn im Kampf um die Freiheit eine neue Stufe erreicht wird, die Gefahr einer neuen Möglichkeit der Dekadenz in sich bergen. Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit des Endes der Geschichte, des Aufhörens der Bewegung. Wenn man noch von einem Telos sprechen kann, muss sie als Möglichkeit verstanden werden, der Welt einen Sinn zu geben, als kontinuierliche Anstrengung, die darauf abzielt, dem menschlichen Handeln und der Bewegung der Geschichte eine Richtung zu geben – kurz, als Kampf. Dieser Kampf muss als Schaffung immer breiterer Freiheits- und Verantwortungsbereiche verstanden werden. Füreinander zu leben erschließt sich daher als Sinn oder gar Richtung allen menschlichen Handelns und der geschichtlichen Bewegung überhaupt. Mit anderen Worten, der Sinn muss in der tatsächlichen Realität des menschlichen Lebens (in Machiavellis „verità effetuale della cosa“, also in der Politik, gesucht werden.

Freiheit entsteht auf dem Hintergrund der Gewalt, die unsere privaten Beziehungen zu anderen prägt, also als Gegenbewegung gegen die Gewalt anderer und gegen ein natürliches Leben, das von einer Hingabe an die Lebensnotwendigkeiten und einem unerschöpflichen Verlangen bestimmt wird. Es ist das Bewusstsein unserer Endlichkeit, das uns erlaubt, uns vom natürlichen Leben zu lösen. Freiheit ist also nur als negative Freiheit, als Zerreißbewegung gegeben. In diesem Freiheitsbegriff zeigt sich für Patočka die Geschichte letztlich als ein Überwinden der Dekadenz. Und da unsere historische Situation eine agonistische Situation ist, erfordert diese Leistung Anstrengung, verlangt Exzellenz; und erfordert, dass wir unsere Zeit verstehen, wie Machiavelli bereits sagte. Das Wesen der Existenz liegt im Verstehen und nicht im Wissen. Aber Verstehen ist immer auch eine Erkenntnis, eine Leistung. Unsere Zeit zu verstehen ist nichts anderes als der Beginn des Handelns.
Der Originaltext ist in voller Länge hier zu finden --> [Externer Link : bitte anmelden] (Google -- "Mathieu Segers -- Maastricht" -- Myth: Europe is in need of a “Finalité Politique”)

Okay, das ist sehr schwurbelig. Aber, wie ich finde, auch sehr wahr, im tiefsten Kern. Die zunehmende Zementierung einer Ordnung führt in die Diktatur. Das frei fließende Chaos in die Anarchie. Irgendwo in der Mitte kämpfen die Menschen gegen ihre / die Dekadenz (den ständigen Niedergang ihrer gesellschaftlichen Ordnungen). Ich kann mit diesem Bild ziemlich viel anfangen. Finde es stimmig und in sich beruhigend (bis tröstlich).

LG Mina
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Janundso »

MinaHarkness hat geschrieben: 11. Aug 2021, 00:57 ..

Na ja, so "fun" finde ich den "fact" jetzt nicht. :shock: Psychodelische Drogen sind nicht harmlos und für einiges an Drogenpsychosen verantwortlich. Die Bewusstseinserweiterung ist dann derartig dauerhaft und ausufernd, dass der Betreffende keinen Fuß mehr auf die Erde bekommt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn das Zeug frei zu haben ist, wird es für harmlos gehalten werden. Man könnte fast einen eigenen Thread daraus machen.
Ist aber btw ganz spannend.

Die einzigen aussagekräftigen Studien sind da zum Ergebnis gekommen "Joah wenn ihr Mushrooms/ LSD konsumiert, könnt ihr Psychosen bekommen. Diejenigen die dadurch aber Psychosen bekommen, hätten diese aber ohnehin 10-20 Jahre später ohnehin bekommen und es wurde nur früher getriggert".

Gerade was Depressionen/ PTBS/ Ängste angeht, haben magische Pilze auch verdaaaaamt viel Therapiepotenzial.
MinaHarkness hat geschrieben: 11. Aug 2021, 00:57 Man könnte fast einen eigenen Thread daraus machen
Soll ich? :)
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..
Janundso hat geschrieben: 11. Aug 2021, 01:05 Soll ich? :)
Feel free! :flo:

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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..

Um nochmal auf den schwurbeligen Professor Segers zurück zu kommen, der hat mWn einen Lehrstuhl an der Uni Maastricht, ist Fachmensch für Europäische Geschichte und immer wenn ich ihn mal wieder in einem seiner zahlreichen Auftritte in TV und sonst wo bewundere, ist sein Thema "de Europese integratie". Das Haus Europa, alle Staaten unter einem Dach, in einer Art fluktuierendem Prozess, der von seiner Flexibilität lebt und davon getragen wird, sich im steten Wandel zu befinden. Ich beobachte das, was er da in Maastricht anstößt, bereits seit einer ganzen Weile, schwärme ein bisschen für den Herrn Segers und denke mir, Deutschland würden ein paar mehr davon auch ganz gut tun. Während mich Herr Lauterbach fortgesetzt dazu animiert, etwas nach dem Fernseher werfen zu wollen; aber ich schweife ab.

Also, Mathieu LL Segers schreibt ganze Bücher darüber und scheint der Ansicht zu sein, was ja auch in der oben von mir zitierten Textpassage anklingt, dass man komplexe Sachveralte lediglich vollumfänglich durchdringen - im Sinne von Verstehen - müsse, daraus würde sich das Handeln quasi von allein ergeben. So habe ich auch einmal gedacht. Was man verstehen kann, vollumfänglich nachvollziehen, das kann man nicht nur (besser) akzeptieren, respektieren und einordnen; man kann es auch entsprechend handhaben. Das ist prinzipiell korrekt, scheitert indes an der Praxis und an dem, was Du, Oxy, oben postuliert und angemerkt hast:

..
Dieses Europa ist so zäh, dass selbst eine einheitliche Regelung für die Umstellung der Sommerzeit fast ein
Lebenswerk darstellt. Das kann doch alles gar nicht sein. :nude:
..

Genau das ist der Punkt. Man könnte es wohl sehr lapidar ausdrücken, in dem man schreibt: Viele Köche verderben den Brei. Nun sind viele Köche indes die einzige (demokratische) Alternative zu "einem Koch", der womöglich meisterlichen Brei bereiten würde, in einem Bruchteil der Zeit, den der "zähe Brei" der "vielen Köche" benötigen wird. Dumm nur, dass "ein Koch" als Maître de Cuisine schlichtweg diktatorisch wäre. Bleibt also die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zäher Brei (Segers nennt das "harte Herausforderungen") oder diktatorische Crème brûlée.

Du umschreibst das wie folgt, Oxy:

..
Man ist nicht an einem freiheitlichen Europa. sondern mehr an einer farblosen Kopie eines asiatischen Großreiches
interessiert.
..

Ich teile dieses Empfinden jetzt nicht unbedingt. ABER, und hier scheitert Segers furios in seinem Ansatz, das Verstehen alleine, bringt eben noch keine Alternative hervor und deshalb auch keine konkrete Handlungsoption. Außer vielleicht die, immer weiter und wieder, die Freiheit und das Flexible zu beschwören, um den zähen Brei schmackhafter sein zu lassen, als die diktatorische Süßspeise, die dennoch lockt. Und das tut sie, weil die Lebensrealität vieler Menschen so ganz anders aussieht und abseits der geistigen Eliten liegt, innerhalb derer Leute, die im Dunstkreis von Universitäten wissenschaftlich arbeiten, sich bewegen. Darin besteht, so vermute ich, die eigentliche Crux.

Es ist nicht zu vermitteln, zwischen den unterschiedlichen Daseinsebenen der Menschen, dass der "zähe Brei" der Bessere wäre, weil er Freiheit bedeutet. Wenn diese Freiheit für die (exemplarisch) Sozialleistungsempfänger, Geringverdiener und Alleinerziehenden (und und und) bedeutet, dass sie den Cent nun dreimal statt doppelt umdrehen müssen; dann wird Freiheit zur Farce. Wie frei ist man denn, wenn man zwar sagen und denken darf, was man will, vorgeblich (auch hier ist bereits die Querdenkerkeule u. ä. als gesetzt anzusehen); aber den Kühlschrank nicht voll bekommt und nicht gezahlte Rechnungen drücken? Womöglich wird man derweil noch gegängelt von Ämtern, Arbeitgebern und sonstigen Institutionen? Urlaub ist ohnehin utopisch und Zeit sich weiter zu bilden, um der Tretmühle eventuell zu entfliehen, sie bleibt nicht oder es fehlt längst an Motivation.

Ich vermute, dass Professor Segers (und auch viele weitere Vertreter seiner Zunft), davon ausgehen, dass Bildung (aka Verstehen / die Dinge durchdringen) eine Lösung darstellen könne. Doch auch hier sehe ich ihn wieder, wie ihm sein Sozialromatikergen ein Bein stellt. Was geschieht denn, mit einem Heer von hoch gebildeten Akademikern, für die dann niemand mehr Verwendung findet, in ihrem inflationären Dasein? Richtig, die landen dann ebenfalls in prekären Erwerbsverhältnissen. Und da auch ein hochgebildeter Mensch, letztendlich "nur" ein Mensch ist, wird ihn das Gleiche ereilen, was jeden normalen Menschen ereilt, der sich innerhalb einer so gut wie ausweglos anmutenden Lage wieder findet. Hier kommt nun die Psychologie ins Spiel und dreht der Freiheitspolitik die lange Nase.

Die Gebildeten werden ebenso verbittern, ebenso verdrossen werden und desillusioniert, wie jeder Mensch es wird, der sich in seinem Lebensentwurf als gescheitert erleben muss. Solchen Menschen ist Freiheit nichts mehr wert, weil sie sie nicht empfinden in ihrer Situation. Sie empfinden das, was Du, Oxy, oben im Ansatz dargelegt hast. Und die Herren Professoren Träumer, die zwar schöne und tröstliche, philosophische Konstrukte erschaffen können, sie verbleiben auf der Ebene derer, die sie von ihren Elfenbeintürmen aus zu erreichen vermögen. Es fehlt die Brücke zu der breiten Schicht, die von Freiheit (bewusst) nichts mehr spürt und somit nichts mehr davon hat. Es fehlt der direkte Vergleichswert zur Diktatur, der - zum Glück - seit langer Zeit nicht mehr gegeben ist. Einem Historiker, wie Segers einer ist, mag das gegenwärtig sein und er weiß somit wogegen er sich stellt. Aber seine Realität ist auch eine gänzlich andere, als die der breitesten Schichten, der "kleinen Leute" in der Europäischen Union.

Tja. Jetzt habe ich beschrieben, wie es wohl nicht geht und warum. Habe ich eine Lösung? Nicht wirklich. Habe ich eine Vision und / oder einen Traum? Darüber müsste ich einmal in Ruhe nachdenken.

Bis dahin tröste ich mich ein wenig mit der hübschen Schwurbelei eines Herrn Segers und lächle dabei, im Ansinnen an Nietzsches "Genealogie der Moral". Was ein Herr Segers sicherlich gelesen haben wird. :holy:

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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Mischa »

Du hast einen Segers Fetisch @ Mina. Soll ich das ins Ranking geben, damit der merkt, dass es dich gibt? Selbstgefällige Männer googeln sich gerne selbst. :hea: Oder steigt mir M. dann aufs Dach? :grin:

Und Europa? Wir haben nicht einmal eine Amtssprache auf die man sich bisher hätte einigen können. Oder habe ich etwas verpasst? Welches Europa also? :aetsch:

Grinsegrüßles!
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..

Ich könnte jetzt noch richtig fies werden und den ganzen zitierten Text des Herrn Segers gnadenlos (psychoanalytisch) zerlegen. Allerdings würde ich mir damit mein mentales Trostpflästerchen ebenfalls demontieren. Ich mag eigentlich Visionäre, Visionen, Träume, hehre Ziele, romantische Vorstellungen und diejenigen, die dafür meinen "kämpfen" zu müssen. Das sind interessanter Weise meist Männer. Meist hoch gebildete und dekorierte Männer, die sich so etwas verschreiben. Da fällt mir etwas leidlich Perfides dazu ein, auch wenn ich das Zitat nicht mehr zuordnen kann, aber es stammt von einem erfolgreichen Mann. Sinngemäß:

>> Ich bin lediglich durch meine desaströse Ehe derartig erfolgreich geworden, weil mich das dazu brachte, lieber Zeit auf der Arbeit zu verbringen, als Zuhause zu sein. <<

Das ist schon fies. :hea: So weit ich weiß ist "mein" Segers seit Ewigkeiten verheiratet und hat einen Sohn. Inwieweit das also auf seinen "Kampf" zutreffen wird, ich habe keine Ahnung. Ich finde es allerdings vom psychologischen Standpunkt her spannend. Was ist das für eine Triebkraft, die Männer zu "Kämpfern" macht? Oft auch zu welchen, die stark zum Romantisieren neigen? Wäre auch schon wieder ein eigener Thread. Der "Mann als Held", der sich sein "Schlachtfeld", auf dem er eben dieser Held erst werden kann, selbst erschafft.

..

Ich denke mal weiter darüber nach.

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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..

Aus den Heldenambitionen mache ich wohl tatsächlich noch einen Thread. Armer Meneer Segers, der muss jetzt als Trigger herhalten. Er wird es gar nicht merken. :grin:

..
Und Europa? Wir haben nicht einmal eine Amtssprache auf die man sich bisher hätte einigen können. Oder habe ich etwas verpasst? Welches Europa also? :aetsch:
Das sehe auch ich als eines der Hauptprobleme an. So lange dieses Sprachgewirr herrscht ist ein einheitliches Gebiet gar nicht denkbar. Ich kann indes auch die Leute verstehen, die um den Verlust ihrer (Sprach)Kultur fürchten. Ich mag die deutsche Sprache, besonders in leicht antiquierter Form. Gedichte von Rilke sind ein perfektes Beispiel für das, was sich aus ihr komponieren lässt. Französisch ist für mich die schönste aller Sprachen, würde ich jedoch als Amtssprache nicht wollen, weil ich sie als zu schwierig empfinden würde, als nicht Muttersprache. Niederländisch finde ich extrem witzig und irgendwie knuffig. Aber nicht als seriöse Amtssprache. Bliebe mal wieder das gute alte Englisch. Aber damit werden jede Menge Mitgliedsstaaten nicht einverstanden sein; allen voran die Franzosen, schätze ich. Ich erlebe Europa auch nicht als "Eines", eher als sehr loses und von Querelen zerrissenes Bündnis.

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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..

Und hier noch ein bisschen kreatives EU-Bashing, das tatsächlich einige durchaus kritikwürdige Punkte auflistet und bei dem ich teilweise breit grinsen musste. --> [Externer Link : bitte anmelden] :hea:

..
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Mischa »

Ich halte die EU in erster Linie für ein Wirtschaftsbündnis. So lange diese Grenze akzeptiert und danach gehandelt wird, waren meines Wissens die Probleme auch deutlich überschaubarer.

Erst als träumende Ideologen die Völker Europas zu einen versuchen haben wir immer mehr Theater. Dann noch der Versuch, der bei jeder großen Unternehmung erfolgt, nämlich Geld rauszuschlagen. Dazu ein Wasserkopf zum Fremdschämen. Also ich bin nicht begeistert.

Ich denke, das ist alles viel zu teuer bezahltes Streben nach Macht. Der Rechts-d-ruck, der immer weiter durch Europa geht, trägt dem Rechnung.

Grüßerle!
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Anders_son »

MinaHarkness hat geschrieben: 12. Aug 2021, 01:15 ..

Aus den Heldenambitionen mache ich wohl tatsächlich noch einen Thread. Armer Meneer Segers, der muss jetzt als Trigger herhalten. Er wird es gar nicht merken. :grin:

..
Und Europa? Wir haben nicht einmal eine Amtssprache auf die man sich bisher hätte einigen können. Oder habe ich etwas verpasst? Welches Europa also? :aetsch:
Kann es sein, dass du etwas verliebt bist, in Herrn Segers? :hi: :flo:

Oder bezieht es sich auf die Ideen? Das sind jetzt keine ernsthaften Fragen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass allgemein so ein
Bedürfnis nach Typen und Typ*innnen da ist, wo man eben auch ein Gefühl aufbringen kann.

Ein Erfolg der Grünen ergint sich ja auch etwas aus der Attraktivität ihrer Vertreter. Im Vergleich zu den anderen Parteien. :ill:
Aber Geschmäcker sind eben verschieden. Ich mag Sarah Wagenknecht. :oops:
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Anders_son »

Mischa hat geschrieben: 12. Aug 2021, 10:51 Ich halte die EU in erster Linie für ein Wirtschaftsbündnis. So lange diese Grenze akzeptiert und danach gehandelt wird, waren meines Wissens die Probleme auch deutlich überschaubarer.

Erst als träumende Ideologen die Völker Europas zu einen versuchen haben wir immer mehr Theater. Dann noch der Versuch, der bei jeder großen Unternehmung erfolgt, nämlich Geld rauszuschlagen. Dazu ein Wasserkopf zum Fremdschämen. Also ich bin nicht begeistert.

Ich denke, das ist alles viel zu teuer bezahltes Streben nach Macht. Der Rechts-d-ruck, der immer weiter durch Europa geht, trägt dem Rechnung.

Grüßerle!
Mischa
Was ist denn rechts, was ist denn links?
Hinter angeblich elitären Linken versteckt sich mitunter reiner Kapitalismus.
Und Kapitalismus hat sich immer linker oder rechter Strömungen bedient.
Der Kapitalismus ist auch nicht einheitlich.

Schaue ich mir sozialistische Strukturen an, dann ist deren Führungsschicht oft
auch nichts anderes als eine kapitalistische Führungsriege, die sich so
ein Gut-Mäntelchen umhängt.

Mich nerven diese politischen Schubladen nur noch. Jetzt ist man bereits, wenn
man sich nicht impfen lässt, rechts. Vielleicht sollte man uns allen so mit Brand-
zeichen ein Links und Rechts aufbrennen. So wie bei den Viehherden. Die Guten
sind L, die Schlechten sind R. Oder auch umgekehrt? Was gerade angesagt ist.

Ich habe ganz geringe Anforderungen. Ich will einen kleinen Staat, der allgemeine
Aufgaben vernünftig verwaltet. Eine eindeutige und unabhängige Rechtssprechung,
eine vernünftige Verwaltung öffentlicher Gelder. Ein gerechtes Steuersystem
und so viel liberale Freiheit wie möglich. Sicherheit und Vertrauen "aller" Bürger
in ihren Staat. Eine allgemein verständliche Sprache im Diskurs und eine
Verfassung, die den Namen auch verdient und nicht nach Bedarf korrigiert wird.
Ich möchte Kontrollinstanzen, die Korruption verhindern und nach vernünftigen
Maßstäben das System auf dessen Funktionieren kontrollieren.

Was ich keinesfalls möchte, ist ein Staat, der die Gesetze durch Unternehmen
diktieren lässt oder Vorschläge von diesen ohne größere Prüfung übernimmt.
Ich will keine Lobbykratie.

Ich bin fast anspruchslos. :jjj:
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Re: Europa, wie geht es mit dir weiter?

Beitrag von Marina »

..
Oxymon hat geschrieben: 12. Aug 2021, 11:56 Kann es sein, dass du etwas verliebt bist, in Herrn Segers? :hi: :flo:

Oder bezieht es sich auf die Ideen? Das sind jetzt keine ernsthaften Fragen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass allgemein so ein
Bedürfnis nach Typen und Typ*innnen da ist, wo man eben auch ein Gefühl aufbringen kann.

Das ist ein guter Punkt, Oxy. Wenn ich den Segers sehe, dann denke ich in erster Linie, dass ich mir wünsche würde, wir hätten hier auch mehr Leute wie ihn. Der Mann hat für mich etwas Vertrauen erweckendes, Kompetentes, Sympathisches und damit Überzeugendes. Er meint was er sagt. Ich kaufe ihm das ab. Der könnte mich wohl tatsächlich dazu bringen, dass ich ohne Groll etwas mehr bezahle, weil er mich von seinen (z. B. Agrar)-Reformideen überzeugen könnte. Was haben die deutschen Grünen? Zwei - in meinem Erleben - Kanaillen an der Spitze, die ich persönlich einfach nur abstoßend finde, aus vielerlei Gründen.
Ein Erfolg der Grünen ergint sich ja auch etwas aus der Attraktivität ihrer Vertreter. Im Vergleich zu den anderen Parteien. :ill:
Aber Geschmäcker sind eben verschieden. Ich mag Sarah Wagenknecht. :oops:
Die Wagenknecht würde ich ohne zu zögern wählen. Nur leider hat sie in ihrer Partei nichts zu melden. Damit wird das hinfällig. Natürlich ist Politik auch Überzeugungsarbeit und die ist eben immer nur so gut oder schlecht, wie derjenige, der sie leistet.

Und dann die dauernden Querelen: [Externer Link : bitte anmelden]

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