Kolumne: Kristallkugel

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Oxymon
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Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Irgendwie schauen wir ja alle in die Zukunft. Wer Gedanken dazu hat, kann das hier ja gerne tun. Dabei sollte es keine Regeln geben. Von absolut ernsthaft, bis zur Blödelei, von geschmackvoll bis geschmackfrei. Es kann ein Posting oder auch ein Link zu einem Video sein, ein Halbsatz oder auch Roman. Eben unter Einhaltung der üblichen Regeln. Ihr könnt schreiben, wie ihr euch die Zukunft des ganzen Planeten vorstellt oder auch nur eure eigene Zukunft. Traurigkeit, Pessimismus, Optimismus, Lachen, Grübeln, Verzweiflung, Dramatik, Zuversicht, Fatalismus. Das alles passt in diese Tüte. Auch bitte die Lyrik des Untergangs in schönen Reimen. Als Bild kann man es natürlich umrahmen.

Ein selbstgemaltes Bild wäre ja auch möglich. Und eine absolute schwarze Seite ist ja auch Statement. :hea: Die Zukunft kann den nächsten Tag oder sogar die nächst Stunde umfassen. Sie kann aber auch erst in 100 Jahren spielen, wenn irgendwelche Bugs den Planeten erobert haben und sich die Menschheit nur noch auf Friedhöfen trifft. Man kann darüber schreiben, wie Eisplatten den Planeten umschließen oder wir langsam vor
uns hingeröstet werden. Man kann auch über Personen in der Zukunft schreiben. Etwa wie ein alter Politiker auf der Bank sitzt und einen Baum anschaut. Und er sich überlegt, soll ich den jetzt umarmen oder dort vielleicht heimlich meine Notdurft verrichten?

Oder man schreibt über die erste weibliche Päpstin, den ersten asiatischen Planetenlenker oder über den sprechenden Toaster,
der erst seine Ausbildung zum Pastor begonnen hat. Wie sich der Mensch zur Unsterblichkeit klonte oder die erste große Schweinerevolution 2434 die Menschheit dahinfegte. Eine Liebesgeschichte, Horror, Albtraum…..

Man kann über kommunizierendes Geschirr schreiben, was Beschwerdebriefe an Softdrinkhersteller verschickt oder auch über neue Art der Fortpflanzung. Ihr könnt hier den ganzen Planeten vernichten, ohne dass etwas passiert.
Ihr könnt eure totalitären Phantasien befriedigen oder auch über Freiheit in der Zukunft schrei(b)en. Vom Planeten der Liebe, des Hasses, der Gleichgültigkeit, des Unverstandenseins. Vielleicht schreibt ihr auch über die Evolution. Dass Menschen nur noch als Kleiderständer dienen oder in
Garderobenschränken vor sich hin gammeln. Oder ihr beschreibt den Planeten der Wale, die den Planeten dann beherrschen. Vielleicht sind wir in der Zukunft ja auch bereits im Weltraum verstreut oder existieren nur noch im Netz, während unsere Körper als Batterien agieren.

Katastrophengemälde haben natürlich auch was Schönes.
Lasst alle Supervulkane explodieren, Tom den falschen Knopf drücken oder auch einfach einem Bigamisten dessen Existenz auffliegen. Das Gegenteil ist natürlich auch möglich.

Wo nach einer neuen Droge oder Medikament sich alle fröhlich begegnen .
Wo man mit einem Meer aus Blumen erwacht und antriebsvoll dem Tag entgegenläuft.
Wo jede Minute ein Glücksgefühl ist. Fast alles ist möglich oder auch nicht.

Wie denkt man sich die eigene Zukunft? Und kann man dieser gedachten Zukunft entgehen?
Will man ihr entgehen? Soll man ihr entgehen?

Es muss eben „nur“ in der Zukunft liegen. Fiktionen, Kurzgeschichten.........
„Um Böses zu tun, muss ein Mensch zuallererst glauben, dass das, was er tut, gut ist.“
Alexander Solschenizyn
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MinaHarkness
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von MinaHarkness »

..

Ich hoffe, in der Zukunft gibt es mehr von Deinem Humor. :hdl: Das mal als ersten, völlig unkreativen Beitrag. Ich versuche etwas Annehmbareres in naher Zukunft nach zu reichen.

LG Mina
Exkursionen, fern von Schablonen, können sich lohnen.
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Oxymon
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Re: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Tom schaute auf den schwarzen Koffer, es machte klack, klack, der Koffer öffnete sich.
Er entnahm diverse Codes. Jerah, sein Adjutant erinnerte ihn daran, seinen am Körper
befestigen Identifizierungscode zu lösen. Tom dachte an heute früh, es war sein 108. Geburtstag.
Und genau jetzt hatte man ihn aufgefordert zu gehen. Ein Gesundheitscheck hatte ergeben, dass
er an Demenz litt. Diese Idioten ohne Hirn, er war fit wie ein Turnschuh.
Seine Adern schwollen wieder an, während er mit Hass an die Unterstellungen dachte.
Es war eine Verschwörung, ganz klar, der Feind war kurz davor, die Macht zu übernehmen.
Infiltration. Er war der Einzige, der jetzt noch etwas tun konnte.
Und jetzt sass er nun hier, mit seinem Adjutanten.
Man hatte ihm Bedenkzeit eingeräumt, schließlich war er der Präsident.
Alles sollte geräuschlos und ohne Aufsehen über die Bühne gehen.
Er lachte laut, Jerah zuckte zusammen. Nuclear planet. „Mr. President, die Telefonkonferenz steht.
Man erwartet Ihre Identifizierung.
Tom ging die Einzelheiten durch und verschaffte sich aus dem Koffer die entsprechenden Codes.
Ein anderes Telefon klingelte, Jerah nahm ab. „Hey Tom, hier ist Bell, deine Frau. Geht es dir
gut Tom? Ich mache mir Sorgen.“ Tom wusste, dass sie längst infiltriert worden war.
Wahrscheinlich sprach er auch nicht mehr seiner Frau, sondern einer Doppelagentin.
Sie hatte sich zu ihm in letzter Zeit auch komisch verhalten und hatte sogar einmal
Kaviar bestellt.
„Ist alles in Ordnung Bell, ich habe jetzt aber keine Zeit. Ich werde gleich das volle
Programm starten und uns alle befreien.“ Am anderen Ende hörte er nur ein „Oh Gott“.
Tom drehte sich Jerah zu, Jerah nickte. Die Zukunft würde strahlend sein.
Tom stand auf und ging durchquerte den Raum. Auf einem Tisch stand noch eine
Geburtstagsorte mit brennenden Kerzen. 108 Stück. Man musste ihm helfen beim
Auslasen. Er hatte nicht mehr die Kraft gehabt. „Scheiße“ dachte Tom.
„Gut, dass ich hier nur die Codes durchgeben muss. Das Ausblasen übernehmen
andere.“ „Danach gehe ich erst mal auf den Golfplatz“, dachte Tom. „Ein paar
Bälle einlochen.“ Hoffentlich würde er sich nicht wie das letzte Mal verlaufen.
Aber der caddy war ja immer in der Nähe. Er vermutete ja, dass die Gegenseite
hinter allem steckte und die Flaggen vertauschte, um ihn unmöglich zu machen.
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Oxymon
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

MinaHarkness hat geschrieben: 7. Sep 2021, 14:16 ..

Ich hoffe, in der Zukunft gibt es mehr von Deinem Humor. :hdl: Das mal als ersten, völlig unkreativen Beitrag. Ich versuche etwas Annehmbareres in naher Zukunft nach zu reichen.

LG Mina
Ein Psycho-Forum braucht so etwas wie eine „Twillight Zone“. Wobei es das schon automatisch ist.:hea:
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Wolfsheulen

Die Städte sind wieder grün,
Lianen zieren die Fenster,
der Asphalt ist brüchig
der Fassadenanstrich ist stark bemoost.

Es ist still.

Kein Geräusch ist zu vernehmen,
kein Ton durcheilt die Stadtschluchten.
Alles wirkt wie ein eingefrorenes Bild.

Durch die liegenden Skelette sprießt
Unkraut.
Ihre Geschichte ist vergessen,
Geschichtsscheiber gibt es nicht mehr.
Das Leben geht weiter.

Wild durchläuft die Strassen, im
Schatten der Hochhäuser.
Vögel bauen ihre Nester und
anderes Getier versammelt sich
in den Kanälen.

Die Bäume sind zurückgekehrt
und trotzen mit ihren Wurzeln
dem alten widerspenstigen Teer.
Der Dschungel kündigt sich an und
der Tag wird mit einem rötlichen
Sonnenuntergang beschenkt.

Im Fernen hört man das Heulen der Wölfe
und der wilden Hunde.
Bald wird es Nacht sein.
Dann werden die Fledermäuse ihre Nester
verlassen.
Das Künstliche wird ins Ursprüngliche
verformt. Als wäre es die Rückgabe
eines abgelehnten Geschenkes.

Es wird Dunkelheit sein, wo Dunkelheit
hingehört.
Und trotzdem ist es nicht das Ende.
„Um Böses zu tun, muss ein Mensch zuallererst glauben, dass das, was er tut, gut ist.“
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Oxymon
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Arbeitstitel: Clara und Ron

Kapitel 1: Einzeltherapie 2195 Wartezimmer

Ron war pünktlich und sah sich im klimatisierten Wartezimmer
um. Es wirkte wie eines aus einer anderen Zeit.
Keine Hologramme, sondern echte Bilder. Die Wände waren selber in einem beruhigenden
Pastellton gehalten. Die Sitzgelegenheiten waren Sessel, die Ron keiner bekannten Zeitperiode
zuordnen konnte.

Er vernahm im Hintergrund ein mit Tönen unterlegtes Plätschern. Am großen Fenster hatte
eine Palme es sich bequem gemacht. Ein bläulich anmutender Retro-Wasserspender stand ihr
als Kontrast zur Seite. Ihm gegenüber saß ein weiblicher Klon irgendeiner bekannten Zeitgenossin.
Den Klon erkannte er anhand einer Tätowierung an einem Arm. Normalerweise verdecken
Klone dies immer. Sie wirkte nicht nervös und passte gar nicht in dieses Umfeld.

Im Gegenteil sah sie fast glücklich aus und las etwas in einer holographischen Zeitschrift.
Der Mann links von ihr wirkte hypernervös. Er schaute sich nach allen Seiten um.
So als würde er verfolgt. Ihm ging das Warten auf die Nerven.
Fast wirkte es auf Ron wie eine Qual. Er schätze ihn so um die 50.
Das Haar war mit grauen Strähnen durchsetzt. Leichtes Untergewicht.
Clara, Ron hatte den weiblichen Klon mal als Arbeitshypothese so benannt, schätzte er
auf Anfang 30. Das Original hatte er schon öfters gesehen. Eine bekannte Post-Influencerin.
War gerade in Mode.
Ron lehnte sich in den bequemen Sessel zurück, er war nicht freiwillig hier.
Genauer gesagt blieb ihm nichts Anderes übrig.
Als genmodifizierter Mensch mit einer Arm- und Beinprothese war er nicht freigeboren.
Ein Teil von ihm gehörte der großen Mutter. Eine künstliche Intelligenz, die mit dem Rat
der Frauen alle Entscheidungen im westlichen Quadranten traf. Er war zwar Mensch, aber
eben mehr oder minder auch Inventar. Warum hatte man ihn überhaupt hierher geschickt?
Seine Gedanken wanderten zu einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten.
Gespräch konnte man es wohl nicht nennen. Es waren Vorwürfe. Er wäre rebellisch und
neige zu einem äußerst starken aggressiven Verhalten. Ron grinste, so konnte man es wohl
auch nennen. Die Pillen, die er schlucken sollte, nahm er schon lange nicht mehr.

Eine gewisse Zeit konnte er es verbergen, aber in eine Herde von Zombies fällt es eben
dann doch auf. Vielleicht hätte er mit einem Vorschlaghammer auch nicht genüsslich
die Essensverteilerin zerstören sollen.
Sie war eine Androidin ohne Persönlichkeitsanteile gewesen. Eine dumme Maschine.
Ein blabla in diesem schrecklichen Alltag aus Stumpfheit und immer gleicher Arbeit.
Seine Prothesen stammten nicht aus einem Unfall, nein, sie waren geplant gewesen,
damit er kraftbetonte Arbeiten ausführen konnte. Den ganzen Tag lang, bevor er wieder
in seine 14 Quadratmeter zurückkehren durfte.
Nach dem Absetzen der Pillen war er in der Lage, sich mehr über seine Umwelt
zu informieren. Und nun saß er in dieser Praxis. Ein schwerst behinderter Mensch
mit tödlichen Waffen, die seine Prothesen darstellten. Ron lächelte Clara an.

Sie lächelte zurück. Der Mann links von ihr schaute verschämt. Ron holte sich einen
Becher Wasser. Seine Prothesen waren als solche nicht erkennbar.
Wenigstens dieses Stück Würde hatte man ihm gelassen. Ein Impuls sagte ihm, dass er
jetzt am liebsten diesen blauen Wasserspender vernichten würde. Sein Arm hatte zusätzlich
ein paar Gadgets, die dies mit Genuss erledigt hätten.

Aber so dumm war er nicht. Kalt hätte man eine Rechnung aufgemacht und ihn dann entsorgt.
Er atmete durch die Nase und blies den Atem durch den Mund wieder aus.
Selbstkontrolle war das Einzige, was ihn noch retten konnte.
Außerdem sprach gegen die Zerstörungsarie Clara. Im Werk von Mutter existierte keine
Geschlechtlichkeit. Dafür sorgten unter anderem die Pillen, die sie alle zu Eunuchen machten.
Mothers Kinder, Mothers Eunuchen. „Fick dich Great Mother“ dachte Ron im Retro-Modus.
Ron hatte keine Ahnung, warum er die Pillen abgesetzt hatte. Er wusste auch von keinem Fall,
wo das bereits mal geschehen war.
Aber, man würde so etwas auch nicht in Umlauf bringen.

Clara beendete das Lesen der holographischen Zeitung und sprach ihn an.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber ich war noch nicht in der
Verlegenheit so einen Fachspezialisten aufzusuchen.“ Ron überlegte.
Er wusste, wie das Aufziehen von Klonen vor sich ging.
Im Grunde hatte er vor sich vielleicht nur eine körperlich erwachsene Frau.

„Wie lange leben Sie denn schon“ fragte Ron. Clara räusperte sich.
„Ich wage es, kaum zu sagen, aber ja, es sind jetzt 5 Jahre.“
Ron dachte nur. „Ihr verdammten Schweine.“
Ron sah Clara an.„Es ist nicht schlimm, eigentlich erzählen Sie nur über
sich und dürfen dann noch Fragen beantworten. Ich bin hier allerdings auch das
erste Mal. Aber am Anfang ist das so übliche Prozedere.“

„Und wieso sind Sie hier, wenn ich so unhöflich fragen darf.“
Ron dachte kurz nach und sagte „Ich weiß es selber nicht, ich wurde vom Werk
hierher geschickt.“ „Vom Werk?“ antwortete Clara. Ron überging ihre Frage und
erwiderte „Und bei Ihnen?“
Clara lächelte ihn bezaubernd an „Ach wissen Sie, ich glaube einfach, ich bin am
falschen Ort. Ich hatte schon einige Versuche hinter mir, den Ort zu wechseln“.

Bei dieser Bemerkung lächelte sie so unverschämt dreist, dass Ron Anzeichen von
Verliebtheit bei sich feststellte. „Ja, am falschen Ort bin ich auch. Allerdings fehlt
mir für einen Ortswechsel der Mut.“ Clara lächelte erneut und fragte den Mann
neben ihr, wie es denn bei ihm sei.

Der Mann schaute die beiden an. „Im Gegensatz zu euch bin ich ein vollwertiger
Mensch. Ich weiß nicht, was hier los ist. Die Mutter achtet doch immer auf Trennung.
Das hier ist nicht richtig.“ Dann verstummte er.

Clara und Ron schauten sich an. „Wollen wir einen Kaffee trinken?“ fragte Ron.
„Sie bekommen Probleme, wenn sie das tun.“ flirtete ihn Clara an, so als wäre
es das Normalste der Welt.
Ron sagte „Die habe ich so oder so.“
Bevor sie gingen zertrümmerte er noch den Wasserspender.
Er wußte, sobald er die Praxis verließ, würde so oder so der Alarm ausgelöst.

Die normalen Routinen seines bisherigen Lebens hatte er damit hinter sich gelassen.
Immerhin konnte er den Kaffee mit einer netten Frau genießen.
Das war das Risiko allemal wert. Verlieren konnte er nichts.
Und im Werk war er auch nicht untätig gewesen.
Er war auf eine Flucht vorbereitet. Und einen Grund hatte er jetzt auch noch.
Er würde es Mutter auf keinen Fall leicht machen.
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Mischa
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Mischa »

Der Planet liegt darnieder und ich stöckele auf High Heels zwischen den letzten Resten Unrat herum. Wir schreiben das Jahr irgendwann nach dem Untergang des Abendlandes. China hat Kim Jong unterschätzt und der hat sie gründlich weggebombt.

Der verstorbene Putin wurde von einem völlig größenwahnsinnigen Despoten abgelöst, der den dritten Weltkrieg mit USA begonnen hat. Und weil die Kriege, ganz modern, im Weltall geführt werden, hat niemand daran gedacht, dass all das Zeug was dadurch dennoch in unsere Atmosphäre gelangte, auch wieder irgendwo runterkommt. Eine strahlende Party war das.

Als Yellowstone hochgegangen ist und die Asche für Wochen den Himmel verdunkelte hat das niemanden mehr groß aufgeregt. Alle waren noch mit den Aufbauarbeiten des letzten Hurricanes beschäftigt, der nie dagewesene Ausmaße gehabt hatte. Am Ende entwickeln alle einen gewissen Fatalismus, denke ich und kicke eine zerbeulte Dose Fanta über verrottende Bananenschalen.

Die vermaledeiten Dinger verfangen sich an meinen Absätzen. Wie Scheiße am Schuh. Das ist also alles was übrig bleibt. .......
There is a crack in everything, that's how the light gets in. (L. Cohen)
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Oxymon
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Hey Mischa,
ja so kann es gehen. :D

Ich stelle mir gerade vor, wie in der näheren Zukunft eine Horde Männer durch die Pampa hetzt,
verfolgt durch einige Amazonen. Es ist ein saftiges Kopfgeld fällig. Wenn der Mann dazu weíß
und alt ist, gibt es noch Sonderprämien. Deshalb ist der 80jährige weiße Hank unter den Männern
natürlich eine absolut begehrte Fangprämie.
Er schaut sich deshalb dauernd panikhaft um. Seine Mitflüchtlinge haben da nicht so viel zu
befürchten. Sie kommen an diverse Koch- und Arbeitsstellen Oder werden auch als Liebes-
sklaven gehalten. Anders sieht es für Hank aus. Ihm droht eine öffentliche Kastration,
Kreuzigung und anschließende Vierteilung. Danach werden seine Reste den Hunden vorgeworfen.
Oder er wird ausgestopft und kommt in den Palast von Mother, wo er dann zu den
Feiertagen als Grund allen Übels mit Obst und Tomaten beschmissen wird.
Dann gibt es natürlich auch noch Versuchsstationen, die liebend gerne Exemplare wie
ihn aufnehmen würden.

Und da sind sie dann auch schon.

Hank hört ein Netz fliegen und liegt am Boden. Amazone Orangeblue grinst ihn an und
sagt „Immerhin hast du die Wahl!“. Wir sind doch alle Demokraten.
Hank wird geschnürt und verbunden. Er hat sich für das Ausstopfen entschieden.
Eine Spritze und das Elend hat ein Ende.

Nun zieht man die gestopfte und konservierte Leiche immer am Geburtstag von Mother
heraus und bewirft ihn mit Resten aus dem Abendgang. Aber das bekommt ja Hank nicht mehr mit.
„Immerhin ein Fortschritt zu früheren Barbareien. Man hat tatsächlich eine Wahl“ waren Hanks letzte Worte.

Nebenbei flötete er diesen song:



Dabei erinnere ich mich an liebevolle Ansprachen an mich, wie „Du hast einen Batscher.“ Da antwortete ich
stets. „Nur einen?“.

LG Oxy
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Tombstone »

Ich kündige. Dann mache ich ein Treffen mit meinen 2 Freundinnen. Die Sache eskaliert. Ich gehe in die Fremdenlegion und bekomme ein unbenanntes Grab. Danke Tombstone.
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Tombstone hat geschrieben: 9. Sep 2021, 09:26 Ich kündige. Dann mache ich ein Treffen mit meinen 2 Freundinnen. Die Sache eskaliert. Ich gehe in die Fremdenlegion und bekomme ein unbenanntes Grab. Danke Tombstone.
Vielleicht kommst du ja noch zu einem „alternativen Ende“? Auf einer Insel mit Liegestuhl, ein paar Cocktails und sonstiges
nettes Ambiente. Möglicherweise auch so, dass das Treffen gut ausgeht? In deiner Geschichte könnte ich mir schon einige Türen vorstellen. Soll aber keine Kritik sein, hier ist fast alles erlaubt. Und je abwechslungsreicher, um so besser.
LG Oxy
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Arbeitstitel: Fish
Jahr 26387 - Kapitel 1 Fish

Fish schaute sich um, er befand sich in der Zukunft. Er konzentrierte sich
und sein Körper nahm eine durchschnittliche Konsistenz an. Es war nicht
ungefährlich für ihn, denn so war er auch verletzbar.

Seine Umgebung wirkte wie ein Paradies, indem es nur eines nicht gab, Menschen und
ersichtliche Technik. Fish grinste, als er sich an das große Terraforming vor Jahrtausenden
erinnerte und die geistige Eminenz, die diesen Planeten jetzt kontrollierte.

Man könnte zu ihr oder ihm auch einfach Gott sagen. Ein Abbild einer bereits in
Vergessenheit geratene Säugetierart, die vor gar nicht allzu langer Zeit diesen Planeten
verlassen hatte.
Aufgestiegen zu Geisteswesen, die keine körperliche Hülle mehr brauchten.
Sie ließen ihren alten Traum trotzdem noch Wirklichkeit werden, als Andenken an
ihre eigene Kreativität.

Fish hatte damals auch die Möglichkeit zu den Sternen zu gehen, aber er wollte nicht.
So wie ihre oder seine Eminenz über dieses Paradies wachte, so war Fish ein Beobachter
oder Wächter der Zeit.
Er konnte zu fast jedem Punkt der Zeit dieses Planeten springen.

Wobei ihn nur bestimme Abschnitte interessierten, weil sie die Gefahr eines Paradoxon
beinhalteten. Und damit wären sie auch eine Gefahr für dieses einmalige Paradies.

Die Eminenz wußte von seiner Existenz. Und dieses Paradies war auch die Heimat von Fish.
Es war kein ungefährlicher Ort und doch verbrachte er sehr viel Zeit hier, wobei es
für Fish gar keine Zeit in dem Sinn gab.

Alleine die Kenntnis über die Zukunft ab diesem Punkt könnte ein Paradoxon auslösen.
Fish wußte auch, dass dieses Paradies irgendwann dem Untergang geweiht sein würde,
die Vergänglichkeit war ein unabänderliches Prinzip.

Warum sollte er es sich deshalb antun, Details zu erfahren. Überflüssig.
Er hatte genug damit zu tun, dieses Paradies vor der Vergangenheit zu bewahren.
Kleine Zeitanomalien in der Vergangenheit zu beobachten, brachten ihm schon genug Arbeit.
Er selber war ja eine Zeitanomalie und indirekt die größte Gefahrenquelle,
ein Medikament was leicht toxisch werden konnte.

Deshalb sah er sich zu 99,9 Prozent nur als Beobachter, als Geist der zwischen den
Zeiten wandelte. Er gehört keiner Spezies an und fühlte sich auch
keiner Spezies verpflichtet.

Bis eben auf diesen neuen Garten Eden am Ende der Zeit. War er einsam?
Mit dem Begriff konnte er schon nichts anfangen. Er war von seiner Aufgabe
erfüllt, Gesellschaft würde diese Aufgabe in Gefahr bringen. Außerdem,
mit wem sollte er sich groß unterhalten? Mal von der Eminenz abgesehen?
Eine Fortpflanzung in der Vergangenheit, etwa als Mensch, würde nur
so etwas wie die Ankunft des Antichristen auslösen. Davon war Fish
überzeugt. Sicher, er hatte auch die Fähigkeit andere Körper
zu übernehmen. Und dies hatte ja bereits zu Anomalien geführt.

Sünden der Jugend, festgetackert im Zeitgefüge.
Fish schauderte es, er konnte diesen Planeten
gar nicht mehr verlassen, er war ein Fixpunkt dieses Zeitgefüges.
Man hatte ihn zwar gewarnt, aber er wollte ja nicht hören.

Und er akzeptierte auch dieses „Schicksal“.

„Irgendjemand wird sich dabei schon etwas gedacht haben“.

Fish hörte seiner inneren Stimme zu.

Die Zeitanomalien in der Vergangenheit hatten sich spürbar vermehrt.
Etwas war in Bewegung geraten. Bis jetzt waren sie nur klein und
mehr unbedeutend. Ein umgefallener Wassereimer, gefallene Blätter,
2 Karotten mehr im Feld, Staubwölkchen, die nicht die vorgesehene
Position einnahmen, ein Flügelschlag mehr als nötig.

Fast unbedeutend, in der Summe aber bereits beunruhigend.
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Alexander Solschenizyn
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Venom
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Venom »

Er hatte sich oft gefragt, warum alle Leute um ihn herum perfekt zu funktionieren schienen, nur er nicht. Seit der großen Säuberung im Jahre 2100 schien die Welt nur noch aus Vorzeigemenschen zu bestehen. Sämtliche Informationskanäle waren bereinigt worden und es hatte ihn folglich einiges gekostet, sich das Wissen zu beschaffen, das es gebraucht hatte.

Die Tasche in seiner rechten Hand wog schwer. Das, was darin war, war schwerwiegend, keine Frage. Seine Intention war durchschlagend. Er betrat diese fast schon unerträglich erhaben wirkende, sterile Lounge und steuerte gezielt auf den Empfangsschalter zu. An diesem stand eine der neuen Standardfrauen. Blond, kühl, flachbrüstig und geschäftsmäßig.

Sie lächelte ihn mit gebleichten und perfekt sitzenden Zahnreihen an, und wollte wissen, was sie für ihn tun könnte? Er lächelte möglichst feundlich und mit geschlossenen Lippen zurück. Es hätte gerade noch gefehlt, würden ihn seine faulen Zähne von seinem Vorhaben trennen. Heutzutage waren Zähne makellos. Alles war makellos. Unerträglich makellos.

Er erklärte dem Abziehbild einer perfekten Frau, dass er zu einer Befragung vorgeladen worden wäre, was nicht gelogen war. Liess sich zum Aufzug verweisen und setzte seinen Weg unbehelligt fort. In einer perfekten Welt, wie dieser, war man sorglos. Wie schön. Im Aufzug drückte er die 80. Mittlere Geschossebene, mitten ins Herz dieses schmalen, in den Himmel strebenden Statussymbols, einer Stadt, von deren Straßen man sorglos hätte essen können, so sauber waren sie.

Oben angekommen ging er an den langen Reihen von Bürotüren vorbei und gelangte schließlich zur Fensterfront, die einen atemberaubenden Ausblick über dieses Meer des Perfekten bot. Er stellte die Tasche hinter einem Terminal ab, das einen Werbefilm in Dauerschleife spielte. Einen, der von der Perfektion des Lebens erzählte. Dieser größten aller Errungenschaften.

Im Anschluss begab er sich wieder zum Aufzug. Die Befragung fiel heute mal aus. Bis er vermisst werden würde, hätte sich das ohnehin erledigt. Jedenfalls bis auf Weiteres. Die Empfangsdame bemerkte ihn nicht einmal, als er diesen Ort der Selbstbeweihräucherung eines Systems verließ, das sich einbildete unfehlbar zu sein.

Er entfernte sich schnellen Schrittes und ein breites Lächeln, das alle seine verottenden Zähne freilegte, erhellte seine Züge, als er hinter sich den alles zerfetzenden Knall vernahm. Fehler im System. Ihr Arschlöcher.
Nicht die Tugend fordert man von uns, sondern nur ihre Maske.
Wenn wir uns zu verstellen wissen, so ist man zufrieden.
- François, Comte de Sade -
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Ein paar Jahre in der Zukunft (Entwurf).

Er zog seinen neuen Schlips zu Recht, dann gab er ein statement per Glitter an seine
Gefolgschaft ab.
Seine followers hatten die 1 Million bereits geschrammt, er grinste zufrieden. Kaum
zu glauben, mit was man eine Anhängerschaft bekam. Es hatte etwas vom alten Rom und
er fühlte sich wie ein Tribun der Herzen. Er konnte emotionale Wogen erzeugen und
so etwas wie die Wahrheit verkünden. Dabei war er in den Fachgebieten, wo er sich
zu Wort meldete nur begrenzt fachkundig. Für den Rest hatte er ein paar „Fassaden“
aufgebaut, die ein anderes Bild vermittelten und ihn als Experten ausgab.
Das war durchaus nicht unüblich.
Er lächelte, das war heute so einfach, und die Menschen nahmen das einem ja
auch nicht übel. Im Gegenteil, dann sprang man eben auf den „Opferzug“.

Charles schaute in den Spiegel, dort sah er einen Mann, knapp um die 50.

Schlanke Gestalt, das richtige Alter konnte man nicht schätzen,
seine Gesichtszüge wirkten etwas maskenhaft, trotzdem konnte er die Mundwinkel
noch zu einem Lächeln verziehen. Fast wirkte es noch, wie eine menschliche
Reaktion.

Eine richtige Funktion, außer Glitterman und Berater in wichtigen Fragen hatte er nicht.
Er war eigentlich politisch erledigt gewesen, ja wenn
er nicht etliche Beziehungen und Verflechtungen gehabt hätte. Charles war Lobbyist,
freiwillig würde er dies nie zugeben. Wer tut schon so was.
Charles lächelte. „Alle Menschen sind Lobbyisten, alle Menschen wollen Erfolg.“

Das Telefon klingelte, am anderen Ende befand sich wahrscheinlich der neue Premierminister,
ganz so sicher war das allerdings noch nicht. Es fanden gerade wichtige Gespräche statt.
„Hey Charles“ waren seine ersten Worte. „Hey Gunnar“ erwiderte Charles.

„Du hast dich in der Zeitung bereits als neue Minister gefeiert“ stellte Gunnar mehr amüsiert fest.

„Ja, ohne bescheiden wirken zu wollen, ihr braucht mich…und meine follower. Und
ich bin gerne bereit dich zu unterstützen…..wie eben immer.“ Am anderen Ende entstand
eine längere Pause.

„Was hast du dir konkret vorgestellt Charles?“

„Nur ein Ministeramt, ich will bescheiden sein. Dieses Amt sollte allerdings nicht vollkommen be-
deutungslos sein.“ Okay, Charles, ich werde darüber nachdenken, in der jetzigen
Phase, würde ich sagen, ist es nicht auszuschließen, dass du für deine medialen
Verdienste, einen entsprechen Lohn in Form eines Amtes bekommst.“

Gunnars Ton klang sehr selbstgerecht, als spräche er mit einem Kind, was er zwar für
nicht unbedingt für geeignet hielt, aber was man auf Grund politischer
verwandtschaftlicher Verhältnisse bevorzug. Auch konnte sich Gunnar einen
pöbelnden Charles gar nicht leisten. Ja, es war möglich, dass ihm Charles
alles verderben könnte.

Bekäme dieser keinen Stück des Kuchens, würde er schnell die Seiten wechseln.
Das wußte Gunnar.

„Geil“ stellte Charles fest. „Hey, ich setze gerade ein Tweet über dich ab, wie
toll ich dich und die anderen finde. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit.“

„Setze mich bitte in ein gutes Licht Charles. Du weißt, wir stehen mit einer
Regierungsbildung auf der Kippe.“

„Gunnar, du kennst mich, ich habe doch erst wieder unsere Partei vor möglichen
Angriffen geschützt. Im Normalfall wären die Leute zu Recht empört gewesen, aber
in mir sehen sie eben jemanden, der absolut wahrheitstreu ist, die kaufen mir echt
den letzten Scheiß ab. Manchmal kann ich es selber nicht glauben.“

„Charles, du bringst mich oft zum Lachen. Wie dir die Leute den letzten Scheiß abkaufen,
das ist schon eine Klasse für sich. Ich berufe mich ja oft auf mein schlechtes Gedächtnis,
man wird eben alt.
Was du aber machst, könnte man fast Kunst nennen.“ stellte Gunnar ironisch fest.

„Ich glaube, du wärst vielleicht ein guter Bildungsminister. Auch für das neue Ministerium
der Wahrheit und Wissenschaft, du hast Qualitäten, die man gerne übersieht.
Mach dir mal keine Sorgen, du gehörst zur Familie.“

Das Gespräch war beendet. Charles drehte sich wieder dem Standspiegel zu. Er
dachte über die ganzen Tricks in der Politik nach. Das fing ja bereits bei den
Biographien an. Die Leute wollten ja auch gar nicht die Wahrheit wissen, die
Leute wollten belogen werden.

Aber wer traute sich schon zu sagen, dass
das Problem gar nicht die Politiker waren? Im Grunde sah er sich mehr als
Viehhüter, der im geeigneten Moment dann auch mal eine Stampede auslöste.
Ein unbeschreibliches Gefühl von Macht.

Nur wenige Menschen wunderten sich, dass er ohne direkte Funktion
unzählige Male in den Medien erschien. Keiner sah auch die unsichtbaren
Fäden von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten. „Wäre ja noch schöner.“
dachte Charles.

„Für was das alles?“ „Natürlich fürs Gemeinwohl, für was sonst?“
„Geld und Akzeptanz, du Idiot“. Diese kleine irgendwo im Hintergrund
existierende Stimme erschlug Charles sofort mit einem mentalen
Hammer. In seinem Bildnis gab es keinen Platz dafür. Die Allgemeinheit
und er waren identisch. Seine gespielte Rolle hatte Charles nun
bereits vollständig übernommen, der „alte“ Charles war bereits vor
vielen Jahren gestorben.

Er war in diesem Theaterspiel gefangen und er konnte sich nicht
vorstellen in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Dann wäre
der Traum vorbei und ein Albtraum würde beginnen.
„Um Böses zu tun, muss ein Mensch zuallererst glauben, dass das, was er tut, gut ist.“
Alexander Solschenizyn
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

In ein paar Tagen in einem unbekannten Land:

Er wurde vorgeladen. K. sagte zu ihm, „wie können Sie es wagen, so ein Urteil, zu
sprechen. V. überlegte und sagte „Ich bin ein unabhängiger Richter“. K schaute ihn
wütend an „Nur unter uns, aber sie scheinen nicht zu kapieren, wie es läuft“.
„Wie läuft es denn?“ erwiderte V.

„Das werden Sie noch früh genug erfahren.“ sagte K. „Sie haben doch einen
Interpretationsspielraum, warum haben Sie den nicht genutzt.“ führte er weiter
an. „Genau, dies habe ich getan“ konterte K. „Ich bin frei darin, wie ich diese
Interpretation nutze.

„Beiß nie die Hand, die dich füttert. Das werden Sie noch früh genug erfahren Herr
K.. Und so kühn zu sein, unseren zutiefst verehrten König in so ein Bild zu stellen, wird
Folgen haben. Seien Sie sich dessen versichert.“

„Hört sich wie eine Drohung für mich an, Herr V.“

„Das ist keine Drohung Herr K.. Mann, seien Sie doch vernünftig, Sie wissen doch, wie
es läuft. Und dann noch ihr Kommentar zu unserem König, mal davon abgesehen,
dass Sie sich im Recht fühlen, kann ich das nur als dumm für ihre Entwicklung
und unser Land betrachten“.

K schaute V ernst an. „Ich werde mich wehren.“

V lachte „Kein Mensch, wird jemals einen Bezug von diesem Vorfall zu ihrer weiteren
Entwicklung herstellen. DIeses 4-Augengespräch hat nie stattgefunden. Im
Übrigen meine ich es nur gut mit Ihnen.“

Das Gespräch war beendet. K stand auf, verabschiedete sich und ging. Auf dem
Gang dachte er über das Gespräch nach. Er hatte so gehandelt, wie er musste.
Die möglichen Konsequenzen hatte er gesehen, er war ja schließlich nicht
dumm.

Es war bereits später Nachmittag. Herbst. Die Sonne ging in einem rötlichen Ton
unter, es wurde zunehmend kalt. K. fröstelte es ein wenig, es waren unruhige
Zeiten, Menschen mussten sich immer mehr entscheiden, auf welcher Seite
sie standen. Und sie mussten dafür auch etwaige Konsequenzen in Kauf nehmen.
Er wußte von Kollegen, die ein vollkommen anderes Urteil gesprochen hätten,
das Gesetz so lange gekrümmt, bis es passend gewesen wäre.

Dann hätte man ihn für seine Weitsicht und das juristische Feingefühl gelobt.
„Alles ist heute verdreht.“ dachte K. „Oben ist Unten, Links ist Rechts.“

Und er hatte den König gedemütigt, er war der Mann, der es gewagt hatte.
In einem Staat, wo der König von manchen Untertanen noch verehrt wurde.
Man würde es ihm als Verrat auslegen. V. hatte eine Drohung ausgesprochen,
aber im Grunde könnte er schon längst erledigt sein. Aus einem aufgehenden
Stern hatte er sich selber in eine Nova verwandelt.
K. stellte sich eine Sternschuppe vor, wie sie am Firmament an ihm vorbei
sauste.

„Scheiß drauf. Ich konnte nicht anders.“ Er zündete sich eine Zigarette an,
seit Jahren war er Nichtraucher gewesen. Er dachte an seine Familie, die
ganzen Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte, das in ihn eingepflanzte
Rechtsbewusstsein und dann die Praxis die er erlebte. Er würde nie wie
Andere die Rolle des Ausputzers übernehmen, damit die Sache stimmig
war. Nicht stimmig im Sache des Rechts, sondern stimmig für diejenigen,
die die Macht hatten. K. drückte die Zigarette aus.
„Übertreib nicht so K.“ dachte er. „In anderen Ländern wäre ich wirklich
in Gefahr. Aber hier? Um meine soziale Existenz muss ich mir möglicher-
weise Sorgen machen, aber ansonsten? Und der König sah schon ziemlich
altersmüde aus. Jedenfalls, war die Sache es wert gewesen. V. war einer
von diesen alten Speichelleckern. Wahrscheinlich würde er morgen sogar
einen mündlichen Bericht über das Gespräch abliefern. Unter dem Motto
„Ich habe ihn zur Räson gebracht“. Die Zeit würde den Rest erledigen,
in ein paar Monaten sprach kein Mensch mehr darüber.

Das würde es dann aber auch gewesen sein. Der Vorteil war, dass sie alle
Feiglinge waren, der Nachteil, dass sich Feiglinge gerne zu Rudeln zusammen-
schließen, um dann Wild zu reißen.“

Er war aber kein Wild.
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Jahr 2222.

Er schaute aus dem Fenster, sie waren hinter ihm her. Selbst mit der übergestültpten unnatürlich wirkenden
Gesichtsmaske, die Boris Karloff ähnelte, war er nicht sicher. Die anderen hatten "sie" bereits zu einem großen Teil
geschnappt. Er seufzte. Wie oft im Leben hatte er einfach Glück gehabt. Manchmal entscheiden Minuten über ein
Leben, ein Toilettengang, eine unglückliche Äußerung.

Wer hätte auch damit gerechnet? Ein Putsch der sakrokalen Landeswehr und danach hatten sofort die Prozesse
begonnen. Hauptangeklagt war unter anderem "er".
Der Vorwurf lautete auf "Verbrechen gegen die Ethikgesetze von 2053".

Wie lächerlich. Genau das Gegenteil war der Fall. Wie kommte man das
bloß nicht erkennen? Egal. Er war noch in Freiheit, während seine angeblichen Kumpane bereits in
Sicherheitsverwahrung saßen. Und er?
Er wurde mit hohem Aufwand gesucht. Von denjenigen, die vor kurzer Zeit noch einen Bückling vor ihm
gemacht hatten.

Ein paar politisch Freunde, Förderer und Mäzen hatten ihm bei der Flucht geholfen. Mit dem Ergebnis,
dass er nun mit einer Plastik-Fresse von Boris Karloff herumlief und in dieser Absteige in einer
Gegend mit zweifelhaften Ruf gelandet war.

Es war demütigend. Die Maske war zwar programmierbar und er hätte sich auch ein anderes Konterfei
mit der gleichen Maske zulegen können, nur wußte er eben nicht wie. Scheißtechnik.
Es war irgendeine Kombi aus Wischbefehlen.
Leider konnte er die Maske auch nicht mehr abnehmen. Die Maske war mir seiner Uhr gekoppelt,
und den Code für die Entsicherung der Maske kannte er nicht. Aus irgendeinem Grund war die kleine Notiz
mit dem Code von seiner Uhr verschwunden.

Er füllte ein Glas randvoll mit Wein auf. Auf einem Tisch lagen Reste einer Pizza, auf dem
Boden lag eine angekaute heruntergefallene Peperoni, die sich vom grauen Teppich als Farbtupfer absetzte.
Es schien Hannes, als würde die Peperoni ihn fies anlächeln.
Das Hotelzimmer, wo sich das rote Gemüse und Hannes befanden, wirkte ungepflegt und schmierig.
So als hätte jemand einen öligen Film eingepflegt.
Dabei war es nur die Zeit gewesen, die sich in die Wände eingefressen hatte.

Hannes durchlief das Zimmer. Akkurat immer in gleicher Schrittlänge. Seit Stunden. Er kochte innerlich.
"Man hätte sie rechtzeitig beiseite, wegschaffen müssen. Lager, woanders hat das auch funktioniert.
Und ich habe alle gewarnt. Täglich, rund um die Uhr, auf allen Medien. Sogar als Werbesequenz in Träumen.".

"Wie konnte man Feinde des Staates nur so agieren lassen?"
Diese Gedankenfetzen kamen immer wieder. Er konnte es einfach nicht glauben. "Seine Welt"
war von einem zum anderen Augenblick zerstört worden.

Und jetzt war er hier. Geflohen. Weil sie mit ihm nicht über die notwendig nächste Linie
gegangen waren. Anhalten auf halbem Weg. Das war für ihn wie Fallschirmsprigen ohne Reißleine.
"Zeitfenster"...."Zeitfenster". Jedes Handeln hatte eine Zeit. Überschritt man diese, wurde
es gefährlich.

Die Stimmung der Bevölkerung war umgeschwungen, als ein Geflüster über die Nebenwirkungen
der "heiligen" pflichtverschriebenen Medikamente immer lauter wurden.
Vereinzelt gab es sogar Meldungen, dass Tote als Zombies oder Wiedergänger wieder auferstanden waren.
Neben dem ganzen anderen qualvollen Ableben. Dr. Rinnsaal lächelte zynisch.

Selbst auf die staatliche Propaganda war kein Verlass mehr, die offiziellen und inoffiziellen Befehlstrukturen
wurden immer durchlässiger, der vorauseilende Gehorsam verwandelte sich in Kritik.

Und Phaser, der oberste Polizeichef des Landes, konnte sich nicht durchringen, die nächste Stufe
des Projekts zu erklimmen. Ja, scheiße, wenn man plötzlich feststellen muss, dass man ein Monster werden
muss, um Monster zu bekämpfen. "Weicheier" dachte Rinnsaal. "Der Fortschritt braucht immer Opfer. Für
ein Paradies braucht es eben Leid oder auch Kolloteralopfer. Sonst würde es auch nicht den Wunsch
nach einem Paradies geben. Eine nicht erfüllbare Illusion, die man trotzdem versprach."

Hannes Rinnsaal schaute in den Spiegel über dem Waschbecken. Trotz Maske, sah er sich selber.
Ein Mann, Mitte 50, kurzsichtig, hager, mittelgroß. Fast unscheinbar, wäre nicht die unüblich aussehende
Nase gewesen und ein gewisser femininer Anstrich. Freunde nannten ihn deshalb spötterisch Hexerich
und hatten ihn zum Spaß sogar mal einen Besen geschenkt. Er haßte
diese Verunglimpfungen, setzte aber immer ein Lächeln auf, als würde er darüber stehen. Im Inneren loderte
dagegen ein Haß gegen sich selber und die Oberflächlichkeit seiner Mitmenschen.
Eine Operation lehnte er jedoch ab. Das wäre so, als würde man eine erfolreiche Marke verunstalten,
seinen Charakter verfremden. Idiotische Schönheitsideale, die sich an einer gerade herrschenden Norm
orientierten.

Das Haar war schüttern, gefärbt und er wirkte durch die tiefen Falten, als wäre er 70.
Er mußte alle Energie aufbringen, um keinen Weinanfall zu
bekommen. Seine Hände zitterten leicht. Jetzt war er also hier, eine seiner letzten Stationen im Leben.
Warum mußte Leben so beschissen enden? Warum gab es kein happy end?

Er sah sich, wie er in einem gläsernen Sarg lag und alle mit einem ehrfurchtsvollen Gesicht an ihm vorbei
flanierten. Es fielen nur Worte der Ehrfurcht und Anbetung.
Ein würdiger Abschluss eines würdigen Lebens. Zwerge, die einem Riesen die letzte Ehre gaben. Und
einige Stunden später wahrscheinlich über ihn ablästerten.

Hannes schleuderte das Weinglas gegen die Wand.
Es entstand ein Flecken mittlerer Größe aus dem sich ein kreisförmiges Ding mit Stacheln herausbildete.

Er kontrollierte seine Waffe. Nur gut, dass gerade Fasching war und dass es die Maßnahmen nicht mehr gab,
die er selbst eingeleitet hatte. 10 Jahre hatten sie gedauert. Er kicherte in sich hinein.
Jetzt konnte er sich unkontrolliert bewegen und war nicht Opfer seiner eigenen Maßnahmen.

Aber wohin fliehen? Sein Gesicht war welt- und landesweit bekannt. Schließlich war er Staatschef dieses
Landes gewesen. Wie hatten sie ihm damals zugejubelt. Als wäre er die Wiederankunft eines
übernatürlichen mentalen Leaders gewesen. Ein Verkünder der heiligen Wissenschaft, der er
vorstand. Ein moderner Frankenstein. Wie ironisch der Zufall sein konnte, dass er mit der
Maske eines Schauspielers herumlief, der damals das Monster von Frankenstein erfolgreich
gespielt hatte.
Was das eine beginnende Paranoia bei ihm? Es war alles so unreal. Im Geiste galoppierte ein
blaues Einhorn an ihm vorbei und streckte ihm die Zunge heraus. Hannes schüttelte den Kopf.
Sicher die Folge eines Beruhigungsmittels. Er schaute auf seinen privaten Arztkoffer, den er
überall mitnahm. Ein Gefühl der Wärme umfasste ihn.

Und jetzt? Er müsste sich einer Operation unterwerfen oder ewig mit der Boris Karloff Maske
herumrennen. Wenigstens bis er Zugriff auf ihre Parameter hatte.

Aber als erstes müßte er aus diesem Land heraus. Wer kannte heute schon noch Karloff?
Konnte er sich auf seine Freunde verlassen oder würden sie ihn verraten?
Doktor Rinnsaal war nicht mehr der Held der Massen. Kein Doktor der Herzen, der an der
Spitze eines Staates stand, sondern jetzt so etwas wie Staatsfeind Nr. 1. Ein gefallener
Cäsar, nur dass er noch lebte.

Mit Schaudern dachte Rinnsaal daran, wie man den ersten Kakologen des Landes " Dr. Doomer"
gelychnt hatte. Eine geifernde Menge aus Zombies und Staatsfeinden hatten dessen Haus gestürmt und
ihn zu Tode gespritzt.
Dann hatten sie ihn genüßlich verspeist. An die Einzelheiten wollte Hannes gar nicht denken.
Stattdessen knallte er die Hacken zusammen und legte eine Schweigeminute für den gefallen und verspeisten
Kameraden ein.

Immerhin hatte man die Knochen von Doomer gerettet und zu einem Spielzeugbausatz für eine soziale EInrichtung
weiter verarbeitet. Rein biologisch, kein Plastik. Recycling. 2022. So vollbrachte Dr. Doomer auch heute
noch gute Taten. Beliebt war besonders das Doomer-Wurfspiel, wo man farbige kleine Knochen in ein Töpfchen
werfen musste. Das Spiel hieß "Glück oder Unheil" und diente dazu, die kognitiven Fähigkeiten der Kinder
zu verbessern. Eine andere Variante hieß "Tod oder Leben". Eben Spiele für die Kleinen. Mit dem, was
einem zur Verfügung steht.

Hannes konnte eine Träne nicht verkneifen. Dommer war so ein guter Mensch gewesen.
Und am Schluß nur Futter für Idioten und Kannibalen. Selbst vor den Gewürzvorräten hatten die
Barbaren keinen Halt gemacht. Zombies und Mutanten.

Letztendlich wurde Doomer mit einem Apfel im Gebiß serivert; auf einer großen silbernen Platte aus ehedem.
Seit den großen Hungersnöten im 21ten Jahrhundert machte man vor nichts mehr Halt.
Alles wurde recycelt oder wieder verwertet. Selbst die Toten, die man als Chips in den Regalen
fand. Ein Teil der Umsatzerlöse ging in die Forschung. Moralische Überlegungen vergangener Zeiten
spielten keine Rolle mehr. Was kannst du für die Gesellschaft tun? Auch über den Tod hinaus.
Die Organspende war nur ein "zarter" Beginn gewesen, eine Notwendigkeit schafft Fakten.
Alles nur eine Frage des langfristigen Marketings. Und so diskutierte man auch im Familien-
und Freundeskreis darüber, welchen Sinn man der körperliche Hülle nach dem Tode geben könnte.
Gegner dieser Bewegung wurden als reaktionär gebrandmarkt. Und so verschwanden auch die
letzten Friedhöfe und die dazugehörigen Rituale.

Über das Labor von Dr. Doomer wurde gar nicht berichtet. Hannes dachte darüber nach und kam
zum Schluß, dass das Ende von Doomer auch irgendwie Sinn machte. Gab es Götter mit einem
äußerst schrägen Humor? Und war er selber nur eine Figur in einem Spiel, welches er nicht
verstand? Sicher würde er gleich aufwachen und alles würde sich nur als böser Albtraum
herausstellen.
Wieso ließ diese Scheiß-Peperoni ihr Grinsen nicht?
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

Jahr 3000 Dimension BertaLukulos

K. eilte durch die Nacht. Er war ungeimpft und hatte keine entsprechenden Papiere.
Er würde sich auch nicht mit der Plürre impfen lassen, nachdem die Sterblichkeit
stark angestiegen war und man die Ursachen dafür immer noch verheimlichte.
Bisher war er dem Ganzen aus dem Weg gegangen. Aber jetzt gabe es keine Chance
mehr. Die auf seinem Handgelenk aufgedruckte Identnummer war um
den Impfstatus erweitert worden. Und ohne diesen Impfstatus war er praktisch
ein Ausgestoßener. Deshalb leuchtete seine am Kopf befindliche Leuchtdiode
nicht mehr grün, sondern gelb.

Er war gewissermaßen vogelfrei. Es erfolgten automatische Geldstrafen, er
war quasi über Nacht enteignet worden. Er lief an einem öffentlichen gigantischen
Bildschirm vorbei, wo Tex Blubberheim seine übliche Reden zur Volksgesund-
heit hielt. Gesünder war dadurch zwar keiner geworden, aber zumindest
feierte die Pharmaindustrie ab und über die Hintertür hatte man eine nette
Gesundheitsdiktatur eingerichtet. Wozu Krankheiten doch dienen können.

Und so lief K mit seinem kleinen Rucksack
durch die Pampa. Ab und zu traf er einen Menschen, der dann schreiend
ausrief "ungeimpft". Na ja, das war eben so. Der Mensch veränderte sich
eben nicht. In der Mehrzahl zumindest.

Als die Progrome begannen und man vor die Häuser bekannter Ungeimpfter
zog. Mit dem Schrei "Gib uns unsere Freiheit wieder". Auch K. war das
passiert. Eine Anzeige hatte nichts gebracht. Ganz im Gegenteil. Der
Apparat fand es gut, dass man einen Bürger auf seine Pflichten hinwies.

Der Wahnsinn hatte dann auch andere Länder befallen. Man munkelte ja,
dass hinter dem Ganzen ein gewisser Tom Leak stand. Einer der reichsten
Männer der Welt. Und der war ein guter Freund von Tex Blubber-
heim. Immer wenn K. Blubberheim sah, überkam ihn ein merkwürdiges
Frösteln. So als würde ein abgestandener Irrsinn - möglicherweise
alkoholisch unterlegt - in der Luft liegen.

K. beschleunigte sein Tempo. Er würde bald die Anderen treffen. Gemeinsam
hatten sie vor, dieses Land zu verlassen. In ein Land zu gehen, wo es noch
so etwas wie Freiheit gab und wo man keine Eingriffe in den Körper vornahm
oder man jemanden wirtschaftlich vernichtete.
Sein letzter Besuch bei Dr. Moreau war der entscheidende Moment gewesen.
Beinahe hätte ihm der Pfuscher gegen seinen Wille eine Spritze gesetzt.

Moreau stellte es dann so dar, als wäre es ein Versehen. Und er
K. wäre damit einverstanden gewesen. Kann ja mal vorkommen. Allerdings
waren die Reflexe von K. gut im Schuß. Er hatte dann sich damit bedankt, dass
er die Spritze genommen hatte, und sie im Hintern von Moreau versenkte.
Natürlch hatte er jetzt eine Anzeige am Hals. Okay, das war es
wert. Dass Moreau kurz darauf auch noch an der ungewollten Impfung
verstarb tat ihm nicht besonders leid. Wahrscheinlich würde seine
Leuchtdiode bald auf rot wechseln.

Am Straßenrand sah er die Vergessenen. Sie hatten in den letzten Jahren
stark zugenommen. Aber da man sie nicht sah, wurde auch nur sehr wenig
über sie berichtet. In Diktaturen war es ja immer so, dass man sich nur
auf einige wenige Themen konzentrierte. Hatte K. mal im Unterricht gelernt.
Lang war es her. Wahrscheinlich galt das heute nicht mehr.
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Re: Kolumne: Kristallkugel

Beitrag von Oxymon »

2060 Big Mama

Motz stand im Supermarkt. Sein Gesicht war von Qual gekennzeichnet. Vor ihm
stand ein Fruchtjoghurt, wo er sich nicht entscheiden konnte, ob er ihn nehmen
sollte. Das Haltbarkeitsdatum war okay, aber irgendwie sah er komisch aus.

Er rief Isolde seine Partnerin an. "Was gibt´s" hörte er aus seinem 30x30 cm
großen Smartphone. "Ich weiß nicht weiter. Ich schicke die mal ein Bild eines
Joghurts rüber, ob ich den kaufen kann."
Motz schoss ein Photo und sendete es. Kurze Zeit später kam ein Rückruf.
"Du bist ja wohl selten dämlich. Du weisst genau, dass ich Kirsche nicht mag.
Soll ich es dir an die Stirn tackern."

Motz fühlte eine negative Welle über sich schwappen. Verunsichtert prüfte er,
ob sein Dutt noch richtig angelegt war. Er stand kurz vor einem Weinanfall.
"Was hast du denn sonst noch so eingekauft" fragte Isolde.

Motz machte eine Aufnahme des Einkaufwagens und sende es. Aus dem
Smartphone ertönte ein lautes Keuchen. So als würde ein Tier verenden.
"Das ist nicht dein Ernst, oder?" flötete ihm Isolde ins Ohr. Motz war
in Schockstarre übergegangen. Er erwartete einen gewaltigen Anschiss.
Stattdessen kam aber dann "Gut, da kann man wohl nichts machen, wir
müssen eben an deinen Fähigkeiten arbeiten. Kein Grund traurig zu sein."

Motz atmete erleichert auf. Das Gespräch wurde beendet. 2038 war man
im Zuge der Gleichberechtigung dazu übergegangen, der Frau bei einer
Partnerschaft gleichzeitig ein unbegrenztes Erziehungsrecht an ihren
angetrauten Männern zu übertragen.
Sie war also Partnerin und gleichzeitig so etwas wie eine big Mama.
Daraufhin hatten sich viele Männer von dieser Institution endgültig
abgewandt. Unter dem Motto "mentaler Inzest...nein Danke" entstand eine
riesige Gegenbewegung. Motz verstand dies nicht. Er war das Kind einer
neuen Zeit, die die Überlegenheit der Frau ohne Probleme akzeptierte.

In seiner Therapiegruppe war er glücklich. Man warf sich gegenseitig
Wollknäuel zu und sprach über das letzte Traumata beim Verzehr
von Spinat. Mit 35 war man auch relaxt. Ab und zu erhielt er von einer
merkwürdigen Widerstandsgruppe Nachrichten, ob er nicht endlich
zur Vernunft kommen würde. Er regte sich dann immer ziemlich auf.
Gut, dass es die Tabletten und die Spritzen gab. Dass erdete ihn.
Und Isolde hatte einen großen Vorrat. Bill, Jessica, Floris und Trumpette,
seine Elterngemeinschaft hatte er ja auch noch.

Er konnte stolz darauf sein, nur so wenige Elternanteile zu haben.
Freunde von ihm brachten es sogar auf 10 Elternanteile. Eine große
Familie, durchsetzt von Liebe füreinander. Besonders, wenn man im
großen Kreis sass und der Tablettentopf rum ging. Dann schwebten
sie alle auf einer Wolke vom gegenseitigen Verständnis. Man durfte
allerdings nicht den Fehler machen, zu enttäubten Zeiten seine
Eltern aufzusuchen. Da waren sie meist nicht normal, sondern
äußerst aggressiv.

Motz war viel in sozialen Netzwerken unterwegs. Zum Beispiel
im Forum "Ein richtig sitzender Dutt ist ein statement" oder auch
"Auch ein Mann kann eine Frau sein". Im zweiten Forum war er
als Motzika angemeldet. Darauf war er besonders stolz. Wer
weiß, vielleicht würde er auch noch den nächsten Schritt gehen.
SIch endlich von diesem verteufelten Geschlecht verabschieden,
was so viel Unheil über die Menschheit gebracht hatte.

Der Brüller im Quarnet war zur Zeit. Männer klagen sich an.
So eine Art Selbstgeißelung, wo Männer über die Abscheußlichkeit
ihres Geschlechts berichteten. Das Gegenprogramm war dann
"heilige Frauen", wo Frauen über ihre Erleuchtungen referierten
und über ihre Erfolge in der Erziehung. Leider wurde Quarnet
dauernd durch irgendwelche Störsender sabotiert. Aber die
great big Mama würde sich drum kümmern.

Ein Klon aus vergangener Zeit. Der Inbegriff der zur Fleisch
gewordenen Mama.

Eine glückliche Zukunft stand allen bevor.
„Um Böses zu tun, muss ein Mensch zuallererst glauben, dass das, was er tut, gut ist.“
Alexander Solschenizyn
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