Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

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MinaHarkness
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Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von MinaHarkness »

..

Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung (oder: Wozu Zwangsstörungen "gut" sind (worin ihr Sinn und Vorteil liegt).

Die mit am schwierigsten zu behandelnden Störungen sind Zwänge. Grübelzwänge an vorderster Front. Im Gepäck idR noch Kontrollzwänge, wie Zählen, den Herd kontrollieren oder das Bügeleisen. Den Schlüssel mehrmals hin- und her drehen, Wasch- und Putzzwänge oder Zwangsvorstellungen, wie z. B. Hypochondrie oder der Wahn, dass Insekten unter der Haut nisten würden. All das gehört zum großen Komplex der Zwangserkrankungen, die, und zwar allesamt, aus einer grundsätzlichen Unsicherheit und damit Urangst gespeist werden, der vor Kontrollverlust und daraus resultierendem Verlust des eigenen Lebens. Kaum ein Störungsspektrum wird von einer stärkeren Kraft angetrieben; was die Macht dieses psychischen Mechanismus erklärt. Todesangst, die stärkste und mächtigste aller Ängste, die das Gegenstück auf den Plan ruft, den Überlebenstrieb.

Dieser interveniert und bedient sich erlernten Verhaltens, oft in schier endloser Wiederholung, im Bestreben, die Angst einzuhegen und diesen Zustand zu stabilisieren. Wir sehen hier zwei gleich starke Kräfte im Widerstreit, was den wesentlichen Aspekt von Zwangserkrankungen zu erklären vermag; den Wechsel von Destabilisierung (der inneren Sicherheit) und Stabilisierung (eben dieser). Ein endloses Hin und Herr, ein zermürbendes Gezerre um die Vorherrschaft. Die Gedanken kreisen endlos. Die Panik wechselt sich ab mit Resignation. Der Betreffende sieht sich in sich selbst gefangen und in einem Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Kaum ist ein Zwang besiegt, switcht das Ganze zum nächsten Mechanismus über. Die Zwangsinhalte variieren, der grundsätzliche Mechanismus bleibt intakt und verrichtet in Endlosschleife sein demotivierendes und kraftraubendes Werk.

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass psychische Erkrankungen in der Mehrzahl der Fälle, im Grunde nichts weiter darstellen, als die (bisweilen extrem) übersteigerte Form von ganz normalem Verhalten. Angst ist ein nützliches Warnsignal. Eine Angststörung ist übersteigerte Panik. Dinge konzentriert im Auge zu behalten und zu kontrollieren, ist eine wichtige Fähigkeit. Eine Zwangsstörung ist die Übersteigerung eben dieses konzentrierten Kontrollbedürfnisses. Speziell Zwangsgedanken entspringen dem Wunsch, alles im Vorfeld zu durchdenken und seien es mitunter Vorstellungen, die den Betreffenden davon überzeugen, er wäre zutiefst pervers. Es ist lediglich die Angst davor, es eventuell zu sein, die diese Gedanken befeuert, nicht jedoch der Umstand, dass der Betreffende es tatsächlich wäre. Die tödliche Panik, das eigene Leben zu ruinieren, setzt man sich nicht fortwährend mit den Zwangsinhalten auseinander, sie bestimmt, in verschieden starken Ausprägungen, den Alltag und damit das gesamte Dasein des Betroffenen.

So. Das ist der Einstieg, den ich liefern möchte. Dass ich mit diesem Thema auch noch woanders hin möchte, das sagt bereits die Überschrift. Fürs Erste indes folgende Fragestellungen:

- Kennt Ihr jemanden, auf den das o. g. zutrifft?
- Beobachtet Ihr an Euch selbst zwanghaftes Verhalten?
- In welchen (mentalen / emotionalen) Situationen / Verfassungen tritt das besonders deutlich zutage?
- Was glaubt Ihr, wozu dient dieses Verhalten und könnte es auch Vorteile für den Betreffenden (oder Euch selbst) haben?
- Gibt es "Gegenmittel", die das Zwanghafte etwas zurück drängen und die gesunde Kontrolle wieder würden in den Vordergrund treten lassen?

Bis hierher erst einmal.

LG Mina

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Oxymon
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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von Oxymon »

Einspruch euer Gnaden! :D

Will nur kurz auf einen Punkt kommen. Es gibt Menschen, die kontrollieren aus gutem Grund.
Sie haben keine Konzentration und wissen einfach nicht, ob sie beispielsweise einen Herd
ausgeschaltet haben. Da ist es dann ganz vernünftig, dass man kontrolliert!
Ich will damit sagen, dass man das nicht immer nur auf die Psyche reduzieren sollte, sondern
zumindest ein Zusammenspiel vorhanden sein könnte.[bbvideo][/bbvideo]

Klar, könnte man jetzt argumentieren, dass dadurch ein Zwang entsteht, dass dies ja eine
Unsicherheit oder Angst begründet. Aber das ist dann doch ein Symptom und nicht die
eigentliche Ursache.
Die eigentliche Ursache wäre eine verminderte Wahnehmung oder Wahrnehmungsstörung.

Dessen ist man sich bewußt und ist deshalb auch unsicher. Stress wäre auch eine
Möglichkeit, so etwas hervorzurufen.

Ein zwanghaftes Verhalten, ja das kenne ich auch. Das ist mir indirekt eingetrichtert worden
durch Menschen mit so einem komischen Aberglauben und einem Kreuz über den Bett.
Todesmutig habe ich den Glauben daran abgelehnt und habe mir dann Beterei und Ähnliches
erspart. Rationalisierung ist dabei immer hilfreich.

Sorry, für die respektvolle Anrede :D Mir war gerade danach, möglicherweise auch ein Zwang. :D

Ich wollte damit auch einen „Teilaspekt“ erwähnen, der möglicherweise untergehten könnte. In manchen
Fällen ist die Ursache für ein wahrgenommenes Zwangsverhalten eben nicht das Gehirn, sondern
von mir aus die Schilddrüse, ein körperlicher Mangel oder sonstige organische Störung etc..

LG Oxy.
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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von Janundso »

Oxymon hat geschrieben: 13. Okt 2021, 11:18 Einspruch euer Gnaden! :D

Will nur kurz auf einen Punkt kommen. Es gibt Menschen, die kontrollieren aus gutem Grund.
Sie haben keine Konzentration und wissen einfach nicht, ob sie beispielsweise einen Herd
ausgeschaltet haben. Da ist es dann ganz vernünftig, dass man kontrolliert!
Da ist was wahres dran ^^

Bin manchmal auch be like "Hab ich auch wirklich den Sandwichmaker ausgemacht?"

Aber mein Ofen war auch schon 5 Stunden am Stück an :D

Wahrscheinlich ist Konfrontation mit dem Trauma gut. Aber könnte mir gut vorstellen, dass sowas idR schon verdammt früh entsteht. Ob man an nem Trauma in den ersten Lebensjahren viel ändern kann?
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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von Oxymon »

Hängt wahrscheinlich davon ab, ob man das Trauma überhaupt erkannt hat
und man eine Perspektive erkennt, dann damit anders umzugehen.

Was ich mich dann frage, ob ein Rückfall in so ein Trauma möglich ist,
beispielsweise durch extrem viel Stress oder andere Belastungen.

Wenn man für sich so etwas abschließen kann, heißt es ja nicht, dass
es an anderer Stelle wieder aufbricht, vielleicht sogar dann in anderer
Form? Der Körper wechselt ja - bis auf ein paar Ausnahmen -
alle paar Jahre sein Zellgewebe. Man kommt in neue Lebenssituationen,
bewertet sich neu etc.. So nach dem Motto, alles in Bewegung. :D
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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von MinaHarkness »

..

Oxy..
ich denke, wir müssten an dieser Stelle differenzieren. Zwang, aufgrund von Konzentrations- bzw. Wahrnehmungsstörungen, wie Du es definierst, was mit körperlichen Aspekten, wie Hormon- und / oder Botenstoffstörungen korreliert und Zwang als rein psychologischer Mechanismus. Mein Topic bezieht sich auf das Letztere. Die Angst ist im Übrigen beiden gemein. Ob sie nun aus einer Unsicherheit in der Wahrnehmung oder aus Trauma heraus entstanden ist und entsteht, sie ist als solches vorhanden. Insofern lässt sich das eigentliche Thema auch generell darauf bezogen diskutieren. IdS versteht sich auch meine Fragestellung.

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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von Janundso »

Viele sterben ja an Krebs. Und sowas früh zu erkennen hat ja schon Vorteile. Denke, ein Hypochonder hat da schon Vorteile - zumindest ab einem gewissen Alter.
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Oxymon
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Re: Struktur & Kontrolle versus Zwang & Überanpassung

Beitrag von Oxymon »

Hmh, ich wollte noch einen anderen Gedanken loswerden. Ich hoffe, dass ich da nicht
gleich in eine Ecke gestellt werde.
Mir fällt es öfters bei Menschen mit Migrationshintergrund auf, die überangepasster
reagieren, als der Biodeutsche.
Und schon habe ich ein Vorurteil eingepflanzt. Statt Biodeutsche sage ich mal Biomensch
in dem betreffenden Land.

Da sehe ich dann schon eine Überanpassung und vermute dahinter eine Angst, die
zu seinem Zwang führt, ansonsten nicht akzeptiert zu werden.

Da ich schon gerade dabei bin, aber ist es nicht so, dass Männer heutzutage auch
in eine solche Zwangslage gebracht werden? In den USA traut man sich ja als
Mann - mehr oder minder erfolgreich - ja nicht mehr , zusammen mit einer Frau
in den Fahrstuhl einzusteigen.

Dahinter steckt dann möglicherweise die Angst, dies könnte ja gegen
den Mann ausgenutzt werden. Man stelle sich vor, irgendein Mann kommt mit 3 Pils
in einen Fahrstuhl,
hat Koordinationsschwierigkeiten und damit gleich eine Anzeige wegen sexueller
Belästigung, weil eine Missinterpretation stattfindet. Ist jetzt sicherlich etwas
übertrieben, aber solche Konstellationen sind denkbar. Vielleicht nimmt ja
der Mann dann lieber die Treppe oder hat ein Ausweichverhalten.
Bestimmt von einer Angst in eine Situation zu kommen, wo alleine seine
Anwesenheit ausgenutzt wird. Männer sind ja heutzutage ja keine
Individuen mehr, sondern alle wilde Borstenschweine und absolut toxisch. :D

Meiner Meinung nach, ist man da von einem Extrem in ein anderes Extrem
verfallen. Diesmal nicht von den Männern, sondern von den Frauen.
Ich ziehe jetzt aber keine Statistiken heran, wo eine große Anzahl von
solchen Fällen eben auch „nur“ Hysterie oder Berechnung war.
Das Gegenteil gibt es natürlich auch. Aber die fehlende Differenzierung,
die ich sehe, führt eben auch zu einem übervorsichtigen Verhalten von
Männern. Schwindler gibt es auf beiden Seiten des Geschlechts, allerdings
sehe ich keine Lobby für Männer, wie bei Frauen.
Tja, das sprengt dann wohl auch dieses Thema.

So unter dem Motto, wenn Zwänge und Überanpassung von außen
vorgegeben werden und sich dann in der Psyche einnisten und man
vorsichtig agiert, was im Grunde aber ja übervorsichtig ist.

Treppe ist sowieso gesünder. :)

SIcher könnte man da auch noch andere Beispiele bringen, wo so
ein Zwang oder vielleicht lieber Druck von außen vorgegeben wird
und man gegen sich selber entscheidet. Corona?
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