Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

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Marina
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Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

Beitrag von Marina »

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Therapieschäden in der Psychotherapie: Wenn der Therapeut / Psychiater / Behandler Fehler macht

Therapie ist Vertrauenssache. Als Hilfesuchender muss man sich, in der Position als Patient / Klient, darauf verlassen können, dass der gewählte Therapeut, die nötige Fachkompetenz besitzt und in der Lage ist, diese konstruktiv am Behandelten umzusetzen. Gelingt dies, was in den meisten Fällen der Fall sein dürfte, ist alles in Ordnung. Doch was soll man als Patient / Klient tun, wenn man das Erleben hat, dass das nicht der Fall ist? Darauf möchte ich in diesem Thema eingehen.

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Inspiriert wurde es durch einen synchronen Thread, in dem verschiedene Personen ihre wenig erbaulichen Erlebnisse schilderten:
(Sollte dies bei Dir ebenfalls zutreffen, nutze bitte diesen verlinkten Thread, danke.)

--> Psychotherapie: Schlechte Erfahrungen mit Therapeuten

Es gibt ein weiteres Thema, in dem ich darüber schreibe, wie man einen passenden Therapeuten überhaupt erst einmal ausfindig machen und nach welchen Kriterien für sich auswählen kann:

--> Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir?

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Nun gut..

Was man tun kann, wenn man das Gefühl hat, dass der eigene Therapeut / Psychiater / Behandler einem nicht gut tut & Dinge praktiziert, die einem seltsam oder gar schädlich anmuten:

Schritt 1 (bevor man überhaupt irgendetwas Anderes tut!) Ich denke, man kennt das im Kontext lärmender Nachbarn. Ruft man die Polizei oder konsultiert den Mieterbund / einen Anwalt o. ä., werden diese Instanzen einem zuallererst anraten, ein Lärmtagebuch zu führen, um die Belästigung zu dokumentieren. Dabei geht es nicht um die Beweisbarkeit der einzelnen Punkte, sondern es wird davon ausgegangen, dass alleine die Form dieser Dokumentation eine gewisse Aussagekraft besitzt.

Dieser Punkt ist auch in unserem Kontext von großer Bedeutung. Denn ein Patient ist gegenüber dem Behandelnden per se in einer Position, in der man ihm leichter unterstellen kann, dass seine Wahrnehmung Verzerrungen unterliegen würde. Zum Einen aufgrund seiner generellen (behandlungsbedürftigen) Verfasstheit und zum Anderen, aufgrund dessen, dass er nun einmal nicht die Fachkraft ist und sein Urteil folglich auch nicht fachlich fundiert. Daraus folgt, dass der Therapeut sich mitunter, im Zweifelsfalle, auf eine Art Verwirrtheit des Patienten berufen kann, so dass dieser etwas missverstanden habe und daraus resultierend das Vertrauensverhältnis beschädigt worden wäre; was dann womöglich die Verwirrtheit vertieft und weiterem Missverstehen - natürlich ausschließlich seitens des Patienten - Vorschub geleistet hätte.

Hierin entfaltet sich dann die gesamte Destruktion eines Machtgefälles, das innerhalb einer therapeutischen Beziehung immanent ist. Jedenfalls so lange der Patient sich in Unsicherheit befindet. Um nun nicht nur diese Unsicherheit zu minimieren (was erst im zweiten Schritt, den ich im Folgeposting beschreiben werde, schlussendlich erfolgt), sondern auch die Chance zu vergrößern, dass ein missbräuchlich / unprofessionell agierender Therapeut, einen womöglich der Verwirrtheit bezichtigt, hat es sich bewährt, ein Therapietagebuch zu führen. Eines, das ähnlich einem Lärmprotokoll, in sachlicher und stichpunktartiger Struktur, Aussagen und Handlungen, so wie Zeitpunkte protokolliert.
  • Datum - Uhrzeit und Dauer der Therapiesitzung / des Termins
  • Wesentliche behandelte Themen und stichpunktartige Auszüge an Aussagen des Therapeuten / Psychiaters / Behandlers
  • Handlungen und Unternehmungen, die innerhalb dieses Termins erfolgten (eventueller Körperkontakt, private Aktivitäten wie Spaziergänge oder Besuche im Café o. ä. m.)
  • Jegliche Dinge, die einem selbst ungewöhnlich erschienen oder Unwohlsein auslösten (anschreien, Unterstellungen, Berührungen, anstarren o. ä. m.)
Das alles in möglichst vollkommen wertfreier und sachlicher Form.

Beispiel wie es NICHT sein soll: >>>Er (der Therapeut) war sehr gemein zu mir, unterstellte mit, ich wolle ihn manipulieren, schrie mich an und verängstigte mich damit sehr. Ich hätte heulen können. So was macht man doch nicht? Das ist so schlimm für mich. Ich versuche doch alles richtig zu machen.<<< <-- Keinesfalls in dieser Form! Daraus kann ein findiger Therapeut eine Verliebtheit und Rachegelüste kreieren, so er das anstrebt, um den Patienten zu diskreditieren und sich selbst zu läutern. Zusätzlich wird darin Verunsicherung und Verwirrtheit deutlich. Das ist genau das, was dann gegen den Patienten zu verwenden ist; so traurig und perfid das auch sein mag.

Beispiel wie es RICHTIG (nicht, bzw. wenig angreifbar) geht: >>>Herr / Frau XY erschien mir ungehalten und äußerte, dass er / sie sich von mir manipuliert sähe. Da er / sie dazu keine weiteren Erklärungen abgab, konnte ich dazu nichts sagen, selbst dann nicht, als Herr / Frau XY sehr laut und eindrücklich wurde. Ich verließ diese Therapiestunde mit dem Erleben, dass ich es nicht hatte recht machen können, indes jedoch hätte machen sollen; und empfand diese Situation folglich als wenig hilfreich und konstruktiv. Mich also eher noch zusätzlich belastend, als in irgendeiner Form inspirierend oder unterstützend.<<<

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Die sachliche Schilderung des eigenen Erlebens, alleine der Umstand, dass man dazu offensichtlich in der Lage ist, entzieht dem Vorwurf der Verwirrtheit in weiten Teilen den Boden. Und das - alleine das - ist das Fundament auf dem eine klare Emanzipation und Dokumentation von einem missbräuchlichen / unprofessionellem Therapieerleben fußt.

Tipp: Man kann sich bei solchem Therapietagebuch durchaus von einer Vertrauensperson helfen lassen, der man das Ganze vorlegt und um Versachlichung der Wortwahl bittet.

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[Weiteres folgt.]

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Re: Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

Beitrag von Marina »

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Wenn man nun dieses Tagebuch eine Weile geführt hat, empfiehlt es sich, das Ganze einmal von einer unabhängigen Instanz sichten zu lassen. Dies kann man z. B. über seine eigene Krankenkasse erfragen (Ansprechpartner) oder direkt beim medizinischen Dienst vorlegen. Es ist von Kasse zu Kasse verschieden, wie das gehandhabt wird. Der Therapeut erfährt zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, weil eine reine Überprüfung der Aufzeichnungen noch keine offizielle Beschwerde darstellt. Ebenfalls ein guter Ansprechpartner, um ein solches Tagebuch sichten und bewerten zu lassen, wäre der zuständige Sozialpsychiatrische Dienst ([Externer Link : bitte anmelden]); dort werden einem zumindest adäquate Ansprechpartner genannt.

Auf diese Weise kann man verifizieren, ob auch andere, unabhängige Instanzen, das, was man aufgezeichnet hat, als missbräuchlich / unprofessionell bewerten. So bekommt man selbst mehr Sicherheit in sich und kann, während man die Aufzeichnungen ggf. fortführt (falls man die Therapie noch nicht ad hoc beenden will), sich innerlich besser von der Bindung an den Therapeuten lösen. Diese Bindung ist es nämlich, die einen erst anfällig werden lässt für Therapieschäden. Man betrachtet den Behandler als Vertrauens- und Kompetenzperson, setzt Hoffnungen in ihn / sie und öffnet sich in ungewöhnlich intimer Weise. Dies, im Zusammenspiel, sorgt dafür, dass man vulnerabel (mental verwundbar) wird und womöglich der eigenen Wahrnehmung misstraut.

Lässt man sich nun von unabhängiger Stelle bestätigen, dass diese Wahrnehmung durchaus stimmig ist, ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung. Nämlich hin zur Lösung aus der Anbindung / ggf. Beendigung der Therapie und hin zur selbstbewussten, offiziellen Beschwerde.

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Wie das funktioniert und was zu erwarten ist, kann man beim DIPT nachlesen: [Externer Link : bitte anmelden]

Bezüglich konkreter, sexueller Übergriffe innerhalb von Psychotherapie, Psychiatrie und psychologischer Beratung, stellt das entsprechende Bundesministerium ein Info-PDF zur Verfügung: [Externer Link : bitte anmelden]

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[Weiteres folgt.]

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Re: Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

Beitrag von Marina »

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Ich habe hier nun eine sehr gut gemachte Seite, bezüglich dessen, was ein Therapeut darf, bzw. was er nicht darf. Ich selbst könnte das kaum besser listen, weswegen ich es nun hier als Verweis einstelle. Womöglich spezifiziere ich das selbst noch einmal, wenn ich Weiteres eruiert habe. Wie auch immer, links im Menü der Seite finden sich noch weitere, nützliche Verweise.

Verstoß gegen die Berufsordnung - auf therapie.de: [Externer Link : bitte anmelden]

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Re: Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

Beitrag von Marina »

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Hier nun noch einige lesenswerte Fachartikel, zum Thema: "Machtmissbrauch in der Psychotherapie"

Der Klassiker von Wikipedia: [Externer Link : bitte anmelden]

Kurze (ursprüngliche Folien-)Zusammenfassung: [Externer Link : bitte anmelden]

Artikel im Archiv der Uni Hannover: [Externer Link : bitte anmelden]

Masterarbeit zum narzisstischen Missbrauch innerhalb von Therapie: [Externer Link : bitte anmelden]

Leseprobe bei Google: [Externer Link : bitte anmelden]

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Re: Therapieschäden: Wenn der Therapeut Fehler macht

Beitrag von Marina »

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Hier noch eine weitere, nach meinem Dafürhalten, durchaus aufschlussreiche, Facharbeit zum Thema Behandlungsfehler (und was exakt unter "Fehler" zu verstehen wäre).

Behandlungsfehler in der Psychotherapie:
Qualitative Untersuchung und ethische Analyse anhand einer Interviewstudie

(Inauguraldissertation zur Erlangung der Würde eines Dr. sc. med. in Medizin- und Gesundheitsethik)

--> [Externer Link : bitte anmelden]

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