Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir?

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MinaHarkness
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Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir?

Beitrag von MinaHarkness »

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Dieses ist ein Thema für Informationen explizit im Kontext Psychotherapie und Wahl des Psychotherapeuten. Hier möchte ich selbst darüber referieren und Erfahrungen / Tipps zusammen tragen. Wenn jemand Gedanken, Erfahrungen / Erlebnisse beizusteuern hat - gerne! Allerdings liegt der Schwerpunkt dieses Threads nicht auf Diskussion, sondern auf Information und Erfahrungsbeschreibungen. Falls Fragen auftauchen sollten, stelle man diese bitte gesondert in einem selbst erstellten Thema. Danke schön!
 ! Nachricht von: MinaHarkness
Da sich das Thema anders entwickelt hat, als ich das annahm und sehr viele schlechte Erfahrungen zusammen kamen, gibt es dafür nun ein eigenes Thema. Zu finden: An dieser Stelle. Hier im Thema möchte ich explizit darauf eingehen, wie man einen für sich passenden Therapeuten finden kann. Die leider mannigfaltigen schlechten Erfahrungen, thematisiert das verlinkte Thema.
1.) Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir? (Der erste Eindruck.)

Das ist eine Frage, die in diesem Kontext erfahrungsgemäß häufig auftaucht. Nicht umsonst gibt es probatorische Sitzungen, so dass Klient / Patient und Psychotherapeut sich quasi "beschnuppern" können. Aktuell (Stand seit 2017) sind für Erwachsene mindestens zwei und höchstens vier probatorische Sitzungen von jeweils 50 Minuten Länge möglich. Nicht üppig, jedoch idR ausreichend um einen ersten Eindruck zu erhalten. Es geht vorrangig darum, feststellen zu können, ob die Arbeitsweise des Therapeuten für den Therapiewilligen greifbar ist, wie auch umgekehrt, der Therapeut einen "Fuß in die Tür" bekommt, will meinen, Zugang zu seinem Klienten findet. Die Motivation des Hilfesuchenden soll geklärt werden und seine Problemstellung möglichst exakt einen Umriss finden. Manche Therapeuten versuchen bereits eine grobe Richtung und Zielsetzung zu definieren, denn die Therapiestunden wollen schließlich bei der Kasse beantragt sein.

Einige Therapeuten setzen psychodiagnostische Testverfahren, wie beispielsweise Fragebögen, zur spezifizierenden und / oder Differenzialdiagnostik ein. Grundsätzlich gilt, der Klient / Patient ist nicht verpflichtet zu beantworten, was er nicht beantworten will! Reagiert ein Therapeut unangemessen ungehalten, selbst wenn nur einige, wenige Angaben verweigert werden, würde ich persönlich sagen: Finger weg! Generell gilt, Therapie ist Vertrauenssache und das Gefühl, dass einen jemand versucht unter Druck zu setzen, ist keine gute Vertrauensbasis. Sicherlich ist es elementar, dass man sich als Hilfesuchender auf sein Gegenüber einlässt. Allerdings muss dieses sich dieses Einlassen auch durch ein Mindestmaß an Kompetenz verdienen. Mit Kompetenz ist in diesem Zusammenhang ein gewisses Maß an Souveränität gemeint. Diese äußert sich idR dadurch, dass der Therapeut sich, bzw. seine Art der Behandlung, gut zu erklären weiß und auf Nachfragen in einer aufklärenden, zugewandten Form reagiert.

Ein Psychotherapeut, der sich von Nachfragen eines mündigen Patienten aus dem Tritt bringen lässt und womöglich verkrampft oder ungehalten reagiert, ist nach meinem Dafürhalten noch nicht so weit erfahren (willens oder fähig) eine tragfähige Beziehung zu seinen Klienten aufzubauen und würde von mir aus dem Rennen genommen werden. Selbst, wenn das bedeuten würde, noch eine Weile auf einen neuerlichen Termin bei einem anderen Therapeuten warten zu müssen. Die Fragen, die man stellt, sollten natürlich rein sachbezogen sein. Es ist das Recht und im therapeutischen Kontext auch die Pflicht eines Behandlers, im Rahmen der Psychotherapie, einen professionellen Abstand zu wahren.

Angehangen an diesen (Teil)Abriss zum Thema, nun noch ein Link zur [Externer Link : bitte anmelden] (PDF) herausgegeben von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Für Patienten ist diese insofern interessant, als dass Pflichten und Qualifikation des Therapeuten, so wie Rechte des Patienten dargelegt werden. Durch das Lesen dieser Richtlinie werden womöglich auch viele Fragen, die ein Therapeut innerhalb der probatorischen Sitzungen stellen könnte, besser verständlich.

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Re: Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir?

Beitrag von MinaHarkness »

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2.) Kompetenz versus Sympathie (Kann "der / die" das überhaupt?)

Um einmal das Wichtigste vorweg zu nehmen: Therapieren kann einen grundsätzlich jeder, der die fachliche Qualifikation dazu besitzt. Ich musste einmal herzlich lachen, als mir jemand schrieb, der wohl lange therapeutisch tätig war, dass man als Therapeut machtlos ist, hätte der Patient ein "Koryphäenkiller-Syndrom". Dieses wird beispielsweise wie folgt beschrieben:
Verhaltensstörung, bei der Patienten über hartnäckige, aber untypische Beschwerden klagen, die auch mit großem intellektuellen und apparativen Aufwand keiner bekannten Krankheit zugeordnet werden können. [Quelle: spektrum.de]
Im Wesentlichen geht es darum, dass der Patient seinem Behandler Zugang zu sich gewähren muss, damit dieser überhaupt effektiv arbeiten kann. Ergo ist die Frage, die man sich stellen sollte, wählt man besagten Behandler aus, nicht die, ob einem dieser Mensch sympathisch ist, sondern:

- Traue ich dieser Person die fachliche Kompetenz und Erfahrung zu, mich professionell zu behandeln?
- Traue ich mir selbst zu, mich dieser Person so weit zu öffnen, dass diese mich überhaupt behandeln kann?

Nur, weil einem jemand nicht sympathisch ist, ist er einem nicht zwingend unsympathisch. Eine neutrale Haltung genügt völlig, für das, was in einer Psychotherapie das Wesentliche ist. Nämlich die Bereitschaft des Patienten, sich zu öffnen und an / mit sich zu arbeiten. Der Therapeut begleitet lediglich den Prozess. Er ist Teil des Teams, das sich im besten Falle bildet. Der Hauptakteur, an vorderster Front, ist der Patient selbst. Der Therapeut stärkt lediglich den Rücken.

Deshalb ist die Motivation des Hilfesuchenden elementar. Wer den Irrtum begeht, zu meinen, man "würde sich therapieren lassen", im Sinne davon, dass der Therapeut etwas mit einem tut, ist auf dem falschen Dampfer. Ein Psychotherapeut animiert den Patienten, etwas mit sich selbst zu tun und das dann gemeinsam anzuschauen. Es entstehen mitunter natürlich sehr intensive Gefühle, seitens des Patienten. Wenn man sich einmal bewusst macht, was da eigentlich passiert, ist das jedoch keineswegs verwunderlich. Schließlich offenbart man dort jemandem sein tiefstes Inneres und erfährt darin Annahme. Das ist eine Definition von Liebe, die sich in Vertrautheit und Annahme äußert.

Innerhalb der therapeutischen Begleitung, wird mitunter das nachgeholt, was im Kindesalter versäumt wurde. Die Erfahrung, dass da ein Mensch ist, der für einen da ist und einen annimmt, mit allem was man so mitbringt. Dass dabei liebevolle Gefühle seitens des Patienten entstehen, ist sogar Teil des therapeutischen Prozesses und die Professionalität des Therapeuten zeigt sich darin, mit diesen Voraussetzungen konstruktiv zu arbeiten. Die implizite Abhängigkeit, in Bahnen zu lenken, dass der Patient sein eigenes Potenzial darin zu erkennen vermag, das sich lediglich in Stellvertretung auf den Behandler richtet, jedoch nicht an (s)eine Person gebunden ist.

Zusammenfassend: Es ist nicht zwingend nötig, dass einem ein Therapeut sympathisch ist. Wichtig ist, dass man ihm und sich selbst zutraut, ein Team zu bilden, in dem man selbst den Löwenanteil an Arbeit verrichten wird. Der Therapeut ist ein Begleiter, den man wählt. So etwas wie ein Kampfgefährte, auf den man baut. Das kann also durchaus auch jemand sein, den man nun nicht zum Niederknien findet. Wichtig ist, dass er ein ordentliches Instrumentarium zur Verfügung hat und damit umzugehen weiß.

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Re: Psychotherapie - welcher Therapeut passt zu mir?

Beitrag von MinaHarkness »

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Psychotherapie - und was sie nicht leisten kann

Gerade auch in Punkto Depressionen (aber genauso im Kontext sämtlicher psychischer Erkrankungen) ist das Ganze relevant, weil Depression / Psyche generell etwas ist, das nicht fest umrissen ist. Das Krankheitsbild der Depression ist, laut medizinischem Verständnis, ein zwar durchaus ernstes, indes kein fest eingegrenztes. So, wie im Grunde alle psychischen Problemstellungen. Es gibt idR eine Latte Leitsymptome, anhand deren Vorhandensein, über einen bestimmten Zeitraum, eine Diagnose gestellt wird. Alles Andere, was der Patient an frei flottierenden Begleiterscheinungen mitbringt, ist nichts anderes, als die höchsteigene Persönlichkeit des Betreffenden, die in ihrer Gesamtheit durch seine Erkrankung tangiert bis massiv überschattet wird. Oft sind blinde Flecken zu erkennen, Nebenschauplätze, die sich zu der Indexerkrankung als Komorbiditäten hinzu gesellen und manchmal gibt es nicht einmal eine fixe Primärerkrankung. Der Betreffende weiß, spürt, erlebt, dass sein Leben an vielen Stellen nicht funktioniert, oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte.

Das Selbstvertrauen leidet. Lebensfreude gerät zum Luxusgut, der Alltag häufig zu einer quälenden Anstrengung, die einem alles abverlangt. Man hat das Gefühl des ständigen Ringens, um den Ansprüchen einer Welt gerecht werden zu können, an der man einerseits so gerne im vollen Umfang teilnehmen möchte, die einem andererseits indes andauernd frustrierende Leistungsgrenzen aufzeigt. Oder man fühlt sich einfach nur leer, ausgebrannt, erschöpft, überfordert, traurig. Alles erscheint sinnlos. Verzweiflung, Resignation, manchmal Zorn oder Tränen; indes - es ist wie es ist. Manchmal kommt noch die Verständnislosigkeit der Umwelt hinzu. (Reiß dich halt mal zusammen.) Durch diesen Zustand, hält er lange genug an, werden weitere Mechanismen der Psyche aktiv, die die Grundproblematik verstärken. Selbstzweifel, Ängste, Suizidgedanken .. die Suche nach einem Ausweg. Es geht wohl oft gar nichts ums Sterben selbst, es soll "nur endlich aufhören".

Die Therapieangebote sind überlaufen. Aktuell mehr denn je. Die Patienten, die häufig sehr lange in Warteposition sind, ihr Menschenmöglichstes tun, um endlich eine Therapie und damit einen möglichen Ausweg aus der Misere zu finden, stehen enorm unter Druck, haben Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche. Und jetzt komme ich mal mit einer Wahrheit um die Ecke.

Eine Psychotherapie wird - rein formal - nicht das Geringste ändern.

(..und doch alles.)

Was meint das? Nun, eine Psychotherapie (explizit auch ohne Medikamente), verändert weder an der Person an sich irgendetwas Greifbares, noch an der Erkrankung. Hier wurde geschrieben, dass Therapie keine Zauberei wäre. Nun ja, ein bisschen ist sie das doch. Nur, dass nicht der Therapeut zaubert, sondern der Patient. Der Therapeut zeigt ihm nur die Richtung. Der wesentlichste Kern einer Psychotherapie besteht nur aus einer einzigen Sache, die indes der alles entscheidende Punkt ist, der alles verändern kann, obwohl sich, rein formal, nicht das Geringste verändert hat - das Zauberwort, das da heißt, Perspektivenwechsel (und Rekontextualisierung). Was sich hier so locker liest, ist in Wahrheit ein Kraftakt, der die Demontage der bisherigen Lebenserfahrungen beinhaltet, aber nicht nur das, man muss sie genau betrachten und unter neuen Prämissen bewerten.

Einer der Standardsprüche in dem Kontext, "das halb leere, gegen das halbvolle Glas austauschen". Es geht im Wesentlichen darum, zu erkennen und be-greifen zu können, dass der eigene Ist-Zustand ein Logischer ist. Dass daran prinzipiell nichts "verkehrt" ist, sondern, im Gegenteil, das eigene, das perfekte innere System, seine Arbeit getan hat. Und es hat sie gut getan. Die Erkenntnis, dass die eigene Erkrankung eine (logische) RE-Aktion ist, die Schlimmeres verhindert hat. Die innere Logik, die von außen womöglich nicht erkennbar, in sich selber dennoch stimmig ist. Dieses innere Erkennen, dass man keineswegs minderwertig, unfähig, ausgeliefert und / oder unliebsam ist, sondern, im Gegenteil, eine Herkulesleistung vollbrachte, die bereits alleine darin besteht, es bis an diesen Punkt geschafft zu haben ohne rettungslos unter zu gehen. Die Rückeroberung (oder überhaut erst einmal Erkenntnis) der eigenen Wertschätzung, Selbstsicherheit bis hin zur Freundschaft mit sich selbst und dem eigenen "so Sein".

Das erst setzt die auch spürbaren Veränderungen in Gang, weil man aufhören kann, ständig mit sich selbst zu ringen. Der Kampf gegen die eigene innere Befindlichkeit, die als inakzeptabel und dadurch unaushaltbar erlebt wurde, wird aufgegeben und setzt damit Kräfte frei, die, im Optimalfall, zu einer inneren Ermächtigung beitragen, sich erst einmal "so" annehmen zu können. Und das, diese innere Ruhe, dieses "in sich Stehen, Akzeptieren und Betrachten" macht die Fäden deutlich, an denen man selbst, gleich einer Marionette hängt und die einen bisher schier zu zerreißen drohten, in Unzufriedenheit, Verzweiflung, Überforderung .. und all den Unbill, die den Alltag überschatten.

Die Akzeptanz des Ist-Zustandes. Das unbedingte innere Wissen, dass das nicht das Ende sein muss, aber, wenn es das wäre, dann könnte man lernen damit zu leben lernen und wäre trotzdem ein vollwertiger Mensch. Die inneren Verspannungen, bisher ausgelöst durch das ständige Opportunieren, gegen das eigene, innere Empfinden, sie geben nach und das, was so schrecklich schien, verwandelt sich ein inneres Feld, auf dem man sich bewegen und sich beobachten kann. Man lernt, zu mögen, was man vorfindet in sich. Sieht es nicht mehr als dysfunktional und feindlich, sondern als Grund, auf dem man festen Stand findet und aufbauen kann. Ein Ort im Innen, das eigene, tiefe Zuhause, das, vielleicht noch etwas karg und leer, darauf wartet, dass man es wagt, sich dort einzurichten.

Fragen reformieren sich:

Was wird von mir erwartet? > Was wünsche ich mir für mich?
Wie kann ich allen Ansprüchen gerecht werden? > Welchen Ansprüchen will ich (überhaupt) gerecht werden?
Warum funktioniere ich nur nicht? > Was kann ich jetzt für mich tun?
Warum bin ich so traurig? > Was könnte mich trösten?
Warum bin ich so leer? > Wann fühle ich mich denn nicht leer?

Eine Psychotherapie verändert - rein formal und äußerlich sichtbar - erst einmal rein gar nichts. Aber im Inneren wächst der Mensch heran, der dort tatsächlich Zuhause ist in sich. Und der kann ganz anders sein als der, den man selbst zuvor von sich erwartet hat. Und dieser Mensch, der wird sich selbstsicher vertreten können, denn er weiß, wie hart der Weg war, bis er endlich ist, wer er ist. Dieser Mensch schätzt sich wert, egal was irgendwer ihm dazu spiegelt. Dieser Mensch ist sich seiner selbst sicher und deshalb ist er kern|gesund.

Ergo: Psychotherapie ist nicht ein "wieder Hinbiegen", sie ist das Gegenteil davon. Sie ist das Entdecken des eigenen Selbst, der eigenen Stärken und auch Schwächen (+ deren wohlwollende Annahme), sie ist ein Weg, hin zu der Erkenntnis, dass tief in einem Selbst, alles so ist, wie es sein soll.

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