Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Forum für persönliche Probleme und Selbsthilfe im Alltag. Fragen, Diskussionen, Rat und Hilfe, rund um das Studium der Psychologie, Therapie, Psyche, psychische Erkrankungen, Psychosomatik und soziale Psychologie. Zuhören, beraten, gegenseitig Hilfestellung geben und Beistand spenden, Informations- und Erfahrungsaustausch u. ä. m.

Benutzeravatar
Marina
PSYVO Team
Beiträge: 4244
Registriert: 19. Jul 2021, 00:57
Hat sich bedankt: 2200 Mal
Danksagung erhalten: 2176 Mal

Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Beitrag von Marina »

..
Narzissmus: Das Dogma des sozialen Minimalkonsens
Zuerst einmal, ein durchaus lesenswertes Buch zum Thema Narzissmus und dessen Therapie (erweiterte Leseprobe gibt es bei Google-Books): [Externer Link : bitte anmelden]

Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Therapieansatz

ISBN: 3794526007

Darin wird auch der Werdegang angesprochen, den die Bewertung des Begriffes Narzissmus, bis hin zur NPS, über die Jahre durchlaufen hat. Das "Monster" ist erst eine Ausgeburt jüngerer Zeit. Vermutlich stark befeuert, durch all die vielen privaten Opferberichte im Internet. Kurz, jeder Partner, der sich unliebsam gibt, ist mittlerweile ein potenziell Persönlichkeitsgestörter.

..

Ich denke, dass die Persönlichkeiten, deren Besonderheit darin besteht, von einem enormen Egozentrismus geprägt zu sein und sich selbst als die wichtigste Autorität in ihrem Kosmos zu begreifen, ganz besonders deshalb irritierend wirken, weil diese Auffassung der eigenen Wichtigkeit, in unserer zeitgenössischen Erziehungskultur geächtet ist. Kindern wird möglichst früh ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, eine Art grundsätzliche Loyalität mit den Mitmenschen. Die Wichtigkeit des sogenannten sozialen Netzes, das man sich im Idealfall möglichst früh bereits erschafft, wird überall betont; ist stets gegenwärtig. Das Individuum soll sich binden, sich verbinden, vernetzen, emotional empathisch seine Umwelt begreifen, um so Werte zu verinnerlichen und Recht von Unrecht unterscheiden zu können. Sich abzusondern ist verpönt, macht einen zum Außenseiter und jedem Mitspieler auf dem sozialen Parkett unmissverständlich klar, spielst du nicht mit, dann bist du draußen. Mitspielen meint jedoch nicht nur die Oberfläche, auch wenn diese es ist, auf der das Augenmerk liegt.

Es beinhaltet auch die - als selbstverständlich angenommene - Internalisierung zwischenmenschlicher Werte. Zu denen, an vorderster Front, der Gemeinschaftsgedanke und, als seine quasi Speerspitze, eine altruistisch motivierte Grundhaltung vorausgesetzt werden. Ich bin ein guter Mensch, wenn ich an die anderen Menschen mit denke. Teilen ist edel. Alles abgeben ist dumm, aber auch edel. An alle Anderen denken, außer an sich selbst, das ist das, was Heilige tun. Will ein Kind in der Kita nicht teilen oder verhält sich ab-/ausgrenzend, wird die Betreuerin intervenieren. "Aber Tom, findest du das schön? Schau nur, die Nina ist jetzt ganz traurig. Lass sie doch auch mitspielen." Und wenn Tom dann immer noch nicht will, dann steht ein Gespräch mit mindestens einem Elternteil im Raum. Kinder haben sich sozial zu verhalten, darauf wird alles ausgerichtet. Schließlich sollen sie vollwertige Mitglieder unserer sozialen Gesellschaft werden. Wir sehen uns hier dem Dogma des sozialen Minimalkonsens gegenüber, der als Grundfeste jeden korrekten, gesunden, zwischenmenschlichen Umgangs vorausgesetzt wird.

Dieses Dogma sieht sich indes extrem irritiert, so eine Besonderheit im Wesen auftritt, die sich seinen Grundfesten verweigert, in dem sie die eigene Person in einer Weise ins Zentrum des Interesses stellt, der sich alles andere unterzuordnen hat. Eine Persönlichkeit, die sich dem Eigenlob und der eigenen Wichtigkeit verschreibt, und, anstatt nach Integration ins Gemeinschaftsgefüge, eine exponierte Sonderstellung für sich anstrebt. Ja, mitunter sogar deutlich ihren Anspruch der subjektiven Bevorzugung herausstreicht und diesen vehement einfordert, alles Sinnen und Trachten darauf richtet. Diese Persönlichkeit kann nur störend wirken, in einem auf Harmonie und Gleichklang ausgerichteten Umfeld. Und so wird sie, logisch zwingend, zum Störfaktor.

Der nächste Schritt, das Störende nun generell als in sich selbst gestört zu betrachten, scheint daher nahe liegend. Ebenso die Konklusion, man müsse das Gestörte, den / die Gestörte, nun professionell passend machen (lassen). Umso entsetzlicher der Umstand, dass dererlei Gestörte idR keinen Anlass dazu sehen. Im Gegenteil, nur all zu oft darauf beharren, nicht sie wären das Problem, sondern die inadäquate, über Gebühr harmonisierende Verhaltensweise der Umwelt. Daraus entsteht ein Spannungsfeld der gegenseitigen Schuldzuweisungen, das, wird es nicht irgendwann aufgelöst, zur völligen Abkehr und Ausgrenzung desjenigen führen wird, der in dieser Situation gefangen verbleibt. Die Selbstmordrate unter so genannten Persönlichkeitsgestörten ist signifikant erhöht. Die vielen Opfer, bzw. die, die sich dafür halten und (oft im Internet) laut (an)klagend mit dem Finger auf ihre vermeintlichen Narzissten, Psychopathen, Borderliner u. ä. m. zeigen, oft diagnostiziert von eigenen Gnaden und ohne jede fundierte Grundlage, verschärfen diesen Zustand zusätzlich.

Mir bleibt an dieser Stelle lediglich, jeden Leser dieser Zeilen zu bitten, womöglich etwas mehr darauf zu achten, wo die Persönlichkeitsstörung etwas zu schnell bei der Hand ist. Wir tun uns alle keinen Gefallen mit dieser Art der Aburteilung, von etwas, das im Grunde jedem Menschen innewohnt. Dem Wunsch nach Achtung, Respekt, Annahme und dem, etwas Besonderes zu sein. Leben und leben lassen. Und auch mal bei sich selbst hinschauen, wo man selbst sich nur zu gerne ins Recht setzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Alleine das würde die Anzahl der vermeintlichen Narzissten / Psychopathen / Soziopathen /etc. pp. wahrscheinlich erheblich dezimieren. ;)

..
Dies über alles: Dir selbst sei treu!
Benutzeravatar
Marina
PSYVO Team
Beiträge: 4244
Registriert: 19. Jul 2021, 00:57
Hat sich bedankt: 2200 Mal
Danksagung erhalten: 2176 Mal

Re: Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Beitrag von Marina »

..
Die "sich tarnenden Raubtiere"
(Psychopathen, Narzissten, Machiavellisten: Dunkle Triade & Konsorten)

Einer der am häufigsten auftauchenden Vorwürfe, gegenüber Menschen, deren psychische Konstitution gemeinhin als gefährlich / schädigend angesehen wird, ist der der Tarnung. Der Umstand, dass quasi sich ein Wolf in den sprichwörtlichen Schafspelz hüllt, freundlich lächelt und dann hinterrücks zubeißt. Worüber sich derweil scheinbar kein Mensch Gedanken macht, ist die Tatsache, dass dieser Schafspelz, dieses Lügen bezüglich der eigenen Verfasstheit, nicht zwingend deswegen erfolgt, damit der Wolf besser von hinterrücks zubeißen kann. Eine weiterer - und ich behaupte auch wesentlich häufigerer - Beweggrund, für das Verleugnen seines Selbst, ist der, dass der Wolf in allererster Linie nicht erkannt werden will. Nicht, um die Schafe zu reißen, sondern um nicht von ihnen zu Tode getreten zu werden. Gut, jetzt wird es unrealistisch, weil Schafe, wenn sie Angst haben, nicht zu Bestien mutieren.

Anders verhält es sich mit Menschen. Die können das. Und sie tun es auch. Wer "etwas werden will", der tut sich selbst keinen Gefallen, ist er zu ehrlich. Jedenfalls nicht, wenn das Etikett, das für die eigene psychische Konstitution das passende wäre, untrennbar damit assoziiert ist, dass es sich um eine zutiefst bösartige Charakterausprägung handeln soll. Eine, die einen zum Raubtier in Menschengestalt stempelt und dazu führt, dass man per se misstrauisch beäugt wird. Es entsteht damit eine Ausgangslage, aus der heraus, ganz gleich was Betreffender tut, sein Agieren stets unter der Prämisse der bösartigsten, möglichen Motivation eingeordnet wird. Unter solchen Voraussetzungen lässt es sich weder vernünftig arbeiten, noch in Ruhe leben. Die logische Folge dieses Umstandes, ist es, dass der Betreffende sich selbst permanent verleugnen muss, will er ein ganz normales Leben führen.

Das Perfide ist nun, dass das Etikett, wegen dem sich der, vermeintlich extrem bösartige, Charakter überhaupt erst meint verleugnen zu müssen, nicht nur zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung mutiert. Sondern, darüber hinaus, die Etikettierung um die Unterstellung erweitert wird, dass dieses Raubtier nur so erfolgreich wäre, weil es sich zu tarnen verstünde. Weil es vorgäbe, ein ganz normaler Mensch zu sein. Ja? Was denn sonst? Ein Reptiloid? Ein Alien vom Planeten Hell? Eine Eieruhr? Muss ich hier jetzt wirklich anfangen das Grundgesetz zu zitieren? Muss ich tatsächlich darauf hinweisen, dass es sich auch bei Menschen, die anders ticken als der Rest der Bevölkerung (der ebenfalls nicht einheitlich und mitunter auch nicht ganz richtig tickt), dennoch um Menschen handelt? Ist das wirklich noch nötig? Im Übrigen ist eine solche, als hoch toxisch klassifizierte Lebensform, sich ihrer selbst oft gar nicht bewusst. Schließlich erlebt man sich selbst als normal und funktional, während um einen her die Leute der Hysterie anheim zu fallen scheinen. Ein Psychopath hat nicht die Probleme, die die Umwelt ihm andichtet oder in ihn hineinsieht. Er reagiert nur auf diese Probleme der Anderen. Und er lernt schnell, dass es das Beste ist, wenn er sich verhält, wie alle sich verhalten. Denn ansonsten ist das ein Drama, das einfach nur nervt und langweilt.

Und deshalb lügt ein Psychopath. Nicht, weil er das so toll findet. Im Gegenteil. Sobald mit der Wahrheit "Staat zu machen" ist, wird ein Psychopath derartig schockierend ehrlich über seine Gedankenwelt Auskunft geben, dass das sein Gegenüber schier umhauen wird. Das ist dann meistens auch nicht recht. Zu viel frontale, ungeschönte Wahrheit, ist dann auch wieder zu viel. Das beweist dann schließlich nur, dass derjenige zutiefst pervers, zynisch und bösartig ist. Von sich zu sagen, man wäre so etwas wie der personifizierte Egozentrismus, das kommt einfach nicht gut an, auch wenn es die reine Wahrheit sein sollte. Und ich schreibe hier nicht über irgendwelche Serientäter, sondern durchaus über das, was ich bereits im Umgang mit den "normalen Menschen" miterleben durfte. Für Sadisten, Narzissten, Pädophile, Schizophrene (Psychotiker), Bipolare oder Borderliner gilt tatsächlich das Gleiche. Wobei der Pädophile an der Spitze der Ausgrenzungsskala stehen dürfte. Das ist natürlich sehr hilfreich (um das Problem zu erfassen und womöglich lösen zu können,) wenn solch eine Person weiß, dass, legt sie sich offen, sie froh sein kann, wenn der Mob sie nicht unverzüglich lyncht. < / Ironie >

Und so blüht eine weitere Blume im Verborgenen, deren Befreiung vom Dogma des "hängt ihn höher, das ist das Beste", sie womöglich um ein Vielfaches weniger toxisch werden lassen würde. Aber, wie immer, es ist so schön sich leicht angegruselt zu empören. Man ist entsetzt, angeekelt, rechtschaffen empört und - hilflos. Im Angesicht von etwas, das derartig ungeheuerlich anmutet, dass man es nur noch "irgendwie weg" haben will. Und das ist es ja im Grunde auch, so lange es sich gekonnt genug verleugnet und im Verborgenen agiert. Willkommen im Teufelskreis der gefälligen Normalität.

..
Dies über alles: Dir selbst sei treu!
Benutzeravatar
Marina
PSYVO Team
Beiträge: 4244
Registriert: 19. Jul 2021, 00:57
Hat sich bedankt: 2200 Mal
Danksagung erhalten: 2176 Mal

Re: Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Beitrag von Marina »

..

Hier mal ein weiterer Lesetipp im Kontext Narzissmus (und kindliche Entwicklung):

[Externer Link : bitte anmelden] Sind Einzelkinder narzisstischer als Geschwisterkinder?

Fazit daraus: Was können wir uns aus den Studienergebnissen für unseren Alltag mitnehmen? Obwohl das Stereotyp «Einzelkinder sind narzisstischer als Geschwisterkinder» unter Laien sehr verbreitet ist, scheint es nicht zu stimmen. Da Narzissmus ein im Alltag «unerwünschtes» Persönlichkeitsmerkmal ist und man diesen Personen «lieber aus dem Weg geht», sollten wir dem Stereotyp «Einzelkinder sind narzisstischer als Geschwisterkinder» ein Ende setzen. Einzelkindern «automatisch» höheren Narzissmus zuzuschreiben kann zu deren Diskriminierung und Benachteiligung führen. Wir sollten also keineswegs vom Stereotyp auf das tatsächliche Ausmaß des Narzissmus bei einem Einzelkind schließen.

..

Ich finde es gut, dass die Universitäten sich nun auch explizit der Untersuchung dieser Art Stereotypen zuwenden. Und hoffe, dass sich diese Praxis sich noch deutlich ausweiten wird. Schritte gegen Stigmatisierung, die, öffentlichkeitswirksam publiziert, womöglich alte, überkomene Glaubenssätze und Annahmen, werden etwas aufweichen können. Das ist für mich Wissenschaft im besten (und eigentlichen) Sinne, des "Wissen Schaffens".

LG Mina
Dies über alles: Dir selbst sei treu!
Janundso
Beiträge: 710
Registriert: 26. Jul 2021, 00:44
Hat sich bedankt: 647 Mal
Danksagung erhalten: 412 Mal

Re: Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Beitrag von Janundso »

Mal aus Neugierde

Du weißt nicht zufällig, wie häufig eine Überkompensation von Selbstwert ist bei Leuten die keinen krankhaften Narzissmus haben?
Zuletzt geändert von Janundso am 2. Aug 2021, 00:06, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Marina
PSYVO Team
Beiträge: 4244
Registriert: 19. Jul 2021, 00:57
Hat sich bedankt: 2200 Mal
Danksagung erhalten: 2176 Mal

Re: Narzissmus und sozialer Minimalkonsens

Beitrag von Marina »

Janundso hat geschrieben: 1. Aug 2021, 17:46 Mal aus Neugierde

Du weißt nicht zufällig, wie häufig eine Überkompensation von Selbstwert ist bei Leuten die keinen krankhaften Narzissmus haben?
Puh..
da müsste ich mal recherchieren. Spontan fällt mir dazu nur eine Definition aus der Individualpsychologie nach Alfred Adler ein. Dieser definierte das Ganze als eine Art (körperliche) "Gebrechlichkeit", die sich dann im Leben / Schicksal manifestieren und zu übermäßigem Streben führen würde. Adler ist einer der Urväter der Psychosomatik, die ursprünglich unter den Begrifflichkeiten Kompensation und Überkompensation geführt wurde. Geltungsdrang und Machstreben sind laut Adler Überkompensationen, die er nicht zwingend mit einer narzisstischen Grundstruktur gekoppelt sah, sondern eher in einem Kontext des Ausgleichens / Strebens nach Kompensation, von z. B. Kleinwüchsigkeit, Schielen, auffälliger Hässlichkeit, geistiger Minderbemitteltheit u. ä. m..

Ergo, individuell erlebten Mangelzuständen (Minderwertigkeitserleben), die auf anderen Sektoren Ausgleichung finden sollten. Anders: Bist du hässlich / dumm / minderwertig, werde reich und mächtig, das hilft. :ups: Ich kann mir schon vorstellen, dass das relativ häufig ist. Ein Kompensationseffekt - und derer gibt es viele. Ich bin nicht einmal sicher, ob darüber aussagefähige Studien existieren, weil das ein extrem breites Feld ist. Adler sah allerdings bereits die Überkompensation als solches als eine Art seelische Krankheitsausprägung / Symptomatik. Ich persönlich würde so weit nicht gehen, weil dann wohl fast alle Menschen seelisch krank wären, die sich in irgendeiner Form in Wettbewerb begeben, um den eigenen Selbstwert zu unterfüttern.

LG Mina
Dies über alles: Dir selbst sei treu!
Antworten