Voluntarismus - Prämisse > PSYVO.org

Weltgeschichte - europäische Geschichte & Philosophie. Wie sich Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, Philosophie, Kunst und Medien im Kontext der Welthistorie, europäischer Geschichte und Sozialpsychologie entwickelt haben. Historische Persönlichkeiten; und wie ihr Wirken unseren heutigen Alltag prägt. Aberglauben, Religion und Mystik im Wandel der Zeit. Zeitgeist, Spiritualität und Ideologie. Das Forum, für die Frage nach dem Warum: Wir heute sind, was und wie wir sind?

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Marina
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Beitrag von Marina »

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PSYchic (psychisch / seelisch) | VOluntary (willentlich / voluntaristisch)
Freiheit ist Eigenmacht im Denken!

Psyche & Voluntarismus
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Immer! Wenn es denn sein Wille ist.

Voluntarismus, hier im Kontext der Humanpsychologie, beruht auf der Annahme, dass das Individuum durchaus zu rein willentlichen (Subjektiv-)Entscheidungen in der Lage wäre. In Zeiten des allgegenwärtigen medialen und gegenseitigen sozialen Framings, unter dem sich mittlerweile fast das gesamte Dasein subsumieren lässt, ist eine solche Theorie fast schon als kühn zu bezeichnen. Dieses Internetprojekt unterstellt sich dieser – mag sein kühnen – Prämisse vollumfänglich. Es wird davon ausgegangen, dass eigenständiges Denken und Eigenmacht im Geiste, Dinge sind, die sich aktiv fördern und trainieren lassen.

Ja – dass diese Fähigkeiten elementar sind, um mündige, (sich) selbstbewusste und durchsetzungsfähige Menschen hervor zu bringen, die für sich und ihre Belange eigenverantwortlich einstehen können. Bürger, die willentlich entscheidungsfähig sind. Mögen diese Entscheidungen sie selbst, Ihre Angehörigen oder das weitere Umfeld betreffen. Um sich tatsächlich frei entscheiden zu können, muss man bewusst die Wahl haben. Insofern hat Voluntarismus in unserem Kontext sehr viel mit (Selbst)Reflexion und Bewusstwerdung zu tun. Es geht ausdrücklich nicht darum, lediglich einen weiteren ideologischen Überbau zu entwerfen und Anhänger für diesen zu generieren. Überdies wird als gesetzt angenommen, dass reiner Intellektualismus, also die unbedingte Herrschaft der Ratio, keine adäquate Lösung des Dilemmas darstellen würde. Ein gesundes Zusammenspiel aus Willen und Vernunft hingegen schon. Womit hier der möglichst (selbst)bewusste Umgang mit den im Individuum wirkenden Triebkräften gemeint ist. Im Grunde ist kein *ismus eine Lösung. Diese Art Schablonen ermöglichen lediglich eine Art grobe Annährung an eine grundsätzliche Richtung, in die es gehen soll.

Indes: Nicht um weniger, als die Befreiung von solcher Art ideologischen Verknüpfungen, soll es bei diesem Projekt gehen. Die Bewusstwerdung um die eigenen mentalen Fäden, an denen wir alle mehr oder weniger bewusst hängen, gleich Marionetten, die ein uns nicht näher greifbarer Puppenspieler zieht. Diese Fäden, gekoppelt an Affekte (schnelllebige Gefühlsaufwallungen), denen wir daraus resultierend reflexartig unterliegen, sind die unsichtbaren Gitterstäbe eines Käfigs, in dem unser reines, klares, starkes Selbst eingeschlossen ist. Wir folgen nicht uns selbst, so lange wir den Ideen und Vorgaben Anderer folgen, die von uns nicht geistig durchdrungen, sondern lediglich im Affekt und damit unwillkürlich, in moralisch statthaft oder verwerflich unterteilt werden. Was, logisch zwingend, in klassischem schwarz-weiß Denken gipfeln muss.

Denn diese Affekte werden durch Sozialisation, mediales Framing, sowie weitere Komponenten kontaminiert und schließlich determiniert. Instinktiv wird bewertet, als gut oder böse, konform oder konspirativ. Das meint, wir werden gesteuert, mehr oder weniger systematisch, jedoch in den allermeisten Fällen lediglich unterschwellig, wenn nicht komplett unbewusst für uns selbst und aus uns selbst heraus. Wir leben das, was Indoktrination, Internalisierung und Introjektion aus uns machten. Will sagen, das, was erzieherische Glaubenssätze, Wertmaßstäbe und Weltanschauungen, die wir verinnerlicht haben und die nun in uns ihr Eigenleben führen, uns vorgeben. Hinzu kommen mitunter diverse Traumata, die ein Übriges tun und die individuellen Reaktionen beeinflussen; sogenannte Trigger. Schmerzhafte Reflexe, die, gleich einem Abzug der eine Waffe abfeuert, für schnellschussartige Überreaktionen sorgen.

Wir sind nicht mehr die Herren im eigenen (geistigen) Hause. Das fängt bei der Erziehung an, die wir durch Eltern, Betreuende und Ausbilder erfahren. Das „Genießen“, welches mir auf der Tastatur lag, erscheint mir in dem Zusammenhang zu beschönigend. Denn ein Genuss ist diese Einpassung in unsere Alltagswelt in sehr vielen Fällen leider ganz und gar nicht. Stichworte, wie Kindesmisshandlung und Kindeswohlgefährdung, häusliche Gewalt, Vernachlässigung, psychischer und physischer Missbrauch, Mobbing, Überforderung, Lieblosigkeit bis hin zu seelischer Grausamkeit u. ä. m., wären hier zu nennen.

Das Ganze setzt sich nahtlos fort, im Dauerfeuer der medialen Berieselung, durchsetzt mit mannigfaltigen Werbebotschaften und der allgegenwärtigen Meinungsmache, die am besten wirkt, je größer der darum sich entspinnende Skandal ist. Holy Shitstorm! Schrill, plakativ, schnelllebig, permanent strebend, nicht zur Ruhe kommend, allzeit bereit, für was auch immer. Die Flucht in die medialen Welten, sie ist eine weitere Folge, aus oben genannten Stichworten. Ein bereits verletztes und in seiner Integrität korrumpiertes Selbst, läuft dem daraus resultierenden Schmerz davon und erobert eine Dimension des Scheins. Ablenkung heißt das Zauberwort, die Medizin gegen innere Traurigkeit und Ödnis (Leere). Das außer sich geratene Selbst, das sich leer fühlt, weil es sich selbst innerhalb all dieses verinnerlichten Fremden nicht mehr spüren kann, als willfähriger Rezipient des allgegenwärtigen Stimmengewirrs im realen und virtuellen Lebensraum. Vertrieben aus dem inneren Zuhause, das besetzt ist von dem, was von außen auf und in es eindrang. Permanent weiterhin konfrontiert mit endloser Stimmungsmache, Aufforderungen, Offerten und lautstark proklamierten Handlungsprämissen.

Und bitte, kommen Sie nur nicht zu sich! Das wäre das Ende.

Das Individuum rennt auf seiner eigenen Straße ins Nirgendwo. Und hechelt dabei doch stets und ständig etwas hinterher, dessen Wesen nicht einmal konkret begreifbar ist. Auf der Suche nach sich selbst, strebend nach Glück und Zufriedenheit. In der Hoffnung auf etwas Greifbares im Unbegreiflichen. Ich möchte an dieser Stelle einmal empfehlen, sich zu Youtube zu begeben und dort in die Suche „Steve Cutts“ einzugeben; der diese Umstände visuell eingängig verarbeitet hat.
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Wahlweise besuchen Sie doch seine Webseite. stevecutts.com -> [Externer Link : bitte anmelden]

Krise als Chance

So lange das Hamsterrad des Alltags sich relativ reibungslos dreht, der Mensch den Konsumenten und Rezipienten gibt und sich damit womöglich zwar nicht wirklich glücklich, jedoch auch nicht konkret unglücklich fühlt, wird er folglich auch keinen Anlass sehen, die Turbulenzen einer nennenswerten Änderung dieses, seines Verhaltens, ins Auge zu fassen. Er wird dieses Verhalten nicht einmal ernsthaft in Frage stellen; warum auch? Es läuft doch. Spannend wird es indes, wenn es nicht mehr läuft und daraus ein Leidensdruck entsteht, dem sich der Betreffende immer weniger gewachsen sieht.

Hiermit landen wir nun schließlich bei dem Zustand, in dem sich immer mehr Menschen hierzulande (und vermutlich nicht nur hier) gefangen sehen. Ein Umstand, der dazu führt, dass Psychotherapie Hochkonjunktur und das Gesundheitssystem diesbezüglich längst seine Grenzen erreicht hat. Es gibt schlichtweg nicht genügend seriöse, bzw. zumindest von den Kassen finanzierte Therapieangebote, für ein epidemisch grassierendes Leiden, das zwar nicht virulent im Sinne einer Infektion ist, sich jedoch nicht minder kontagiös verhält. Immer mehr Menschen leiden an ihren Lebensumständen und noch häufiger an sich selbst; wobei das Eine mit dem Anderen korreliert. Leidende Menschen werden untereinander unduldsamer, was zu dem viel beklagten Umstand der sozialen Kälte sein Scherflein beiträgt.

Abgrenzung lautet am Ende die Devise, wenn ein Maß an Leiden erreicht ist, das die einzelne Person sich in einer bedrohten Lage sieht und zwar einer, die eigene Existenz konkret bedrohenden. Das Resultat? Mitunter Extremismus. Die Suche nach simplen Lösungen. Die Hoffnung auf Halt, innerhalb einer gefühlten Haltlosigkeit; kurz vor dem vermeintlich tödlichen Fall. Bevor „alles den Bach runtergeht“. Angst. Und ich meine hier nicht nur die berühmt-berüchtigte German Angst. Kein noch so kühl rechnender Ökonom, keine noch so seriöse Statistik, kein noch so redegewandter Politiker oder Experte, wird eine solche Person davon überzeugen können, keine Angst haben zu müssen.

Denn diese Angst, die sich nur vermeintlich auf die äußeren Umstände bezieht, sie kommt direkt aus dem Selbst dieser Person, welches tatsächlich um sein Leben fürchtet. Und das nicht unbegründet. Diese Angst ist eine Angst aus dem tiefsten Inneren, die Angst des endgültigen Verlustes der eigenen Identität, die sich überrollt sieht, von all dem einstürmenden Außen. Das ist auch eine Erklärung dafür, warum so viele Menschen das „Konstrukt Europa“ fürchten. Es ist eine Art Synonym für den Verlust von Identität. Die befürchtete Aufhebung nationaler Kultur und damit nationaler Identität, an der sich, in Ermangelung derer im eigenen Inneren, versucht wird festzuhalten. Projektion der eigenen Verlustangst auf die weitere Umgebung.

Was sich hier nun lesen mag, wie die Beschreibung des Niedergangs, es ist im Grunde eine Chance, wenn nicht die Chance, diese Angstspirale zu durchbrechen. Dazu muss man sich zuerst einmal bewusst machen, was Psychotherapie im Kern anstrebt. Und zwar jegliche Form von Psychotherapie, die sich zwar in ihrer Spezifikation innerhalb diverser Pathologien unterscheiden mag (und damit in ihrer Behandlungsweise), nicht jedoch in ihrer eigentlichen Zielsetzung. Diese besteht darin, die eigene Identität zu entdecken, sie kennen und schlussendlich selbstbewusst leben zu lernen. Denn allein das, so wird sich davon versprochen, wird die verschiedene Symptomatik der Ängste, Zwänge, Autoaggressionen, Abwehr- und Kompensationsmechanismen, derer sich die Psyche bedient, obsolet werden lassen und dem Patienten somit Linderung und Lebensqualitätsgewinn verschaffen.

Schlussendlich landen wir nun bei der Frage, ob das ausschließlich innerhalb einer Psychotherapie zu bewerkstelligen ist? Und die Antwort, die zum Entstehen dieser Webseiten führte, sie lautet eindeutig nein. Eine Psychotherapie, welcher Art auch immer, kann sicherlich überaus hilfreich sein, keine Frage. Nur muss man erst einmal an eine solche kommen. Und zwar eine, die zu der eigenen Verfasstheit passt. Doch wie soll ein Laie, der aufgrund seiner Therapiebedürftigkeit ohnehin angeschlagen ist, sonst wäre er gar nicht derartig bedürftig, nun auch noch die Kräfte mobilisieren, sich selbst, bzw. die wohl häufig vorhandene eigene Angst, Hilflosigkeit, Scheu, Verzagtheit und Kraftlosigkeit, zu überwinden? Hier setzt nun das an, was auf diesen Seiten (nach und nach immer mehr) dargelegt werden wird.

Zum Einen sind das Informationen im Rahmen der unterschiedlichen therapeutischen Angebote und deren Indikationen. Das jedoch ist lediglich die eine Hälfte der inhaltlichen Intention. Die andere Komponente widmet sich dem, was man selbst für sich tun kann. Um, im besten Falle, so weit zu sich selbst zurück zu finden, dass man sich dieser Herausforderung, nämlich das wirklich Passende für sich zu finden und sich dann der Reise (zurück) zu sich selbst zu stellen, auch vollumfänglich gewachsen erlebt. Dass man mündiger Patient, bzw. Klient wird, der, über ein gewisses Maß an grundsätzlichem Wissen verfügend und ausgestattet mit einem kritischen, analytisch trainiertem Geist, das Dargebotene zu bewerten und sich bewusst und willentlich zu entscheiden weiß.

Und diese Anstrengung auf sich nehmen zu wollen, ja – sie überhaupt erst zu erwägen, verdankt der Betreffende eben diesem Leidensdruck, welcher erst aus der persönlichen Krise heraus entsteht. Von dieser Warte aus betrachtet, haben wir keineswegs „immer mehr psychisch Kranke“, sondern wir haben immer mehr Menschen, mit einer realistischen Chance auf die Rückkehr zu sich selbst und dem bewussten Leben des eigenen individuellen (so) Seins, respektive der eigenen Identität.

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Dies über alles: Dir selbst sei treu!