Von psychologisierenden Etikettierungen

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MinaHarkness
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Von psychologisierenden Etikettierungen

Beitrag von MinaHarkness »

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Von (psychologisierenden) Etikettierungen
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Ich möchte hiermit einmal über einen Umstand nachdenken, der mir bereits seit Längerem in zunehmendem Maße gewahr wird. Es ist scheinbar nicht - oder kaum noch - möglich, in einer Form über Menschliches und Allzumenschliches zu reden, die nicht vorrangig davon bestimmt wird, der jeweiligen Menschlichkeit ein psychologisierendes Etikett zu verpassen. Und sie damit in einer Weise abzufertigen, die jeglicher Differenzierung entbehrt. Weil diese vermeintlich gar nicht mehr nötig ist. Ist halt Psycho-Blutwurst, Fleisch- oder Leberwurst. Wurstsalat halt. Was soll man da noch groß darüber reden? Darüber nachzudenken kostest Zeit. Und die kann man auch sinnvoller mit dem Handy zubringen. So scheint (immer) öfter die Devise.

Es wird von histrionischen Freundinnen berichtet. Von dependenten Nesthockern (früher nannte man das Müttersöhnchen, auch nicht sehr nett, zugegeben), Narzissten (das ist wohl aktuell eines der am meisten überstrapazierten Etiketten und in aller Munde), Sadisten, Masochisten, Zoophilisten, Necrophilisten (die ganzen Perversen eben,) Schizoiden, Manischen, Hysterikern (schon wieder out), Anankastische, Phobische, Dissoziale, Dissoziative, Borderliner (diese waren eine Weile auch das beliebte Ziel der Attribuierung als quasi Antichrist), Psychopathen (der wahre Antichrist, das weiß man spätestens seit Sieben und American Psycho), ADHS (der frühere Zappelphilipp), Stalker (auch Psychos, allesamt, selbst dann noch, wenn die Gestalkten sie öfter mal ihrerseits verfolgen), Vergewaltiger (Klassiker: "Aber ich wollte nein sagen - ganz bestimmt, ich war nur zu..") und und und - das Lexikon fröhlich rauf und runter. Wikis sei Dank, leicht aufzufinden und durch kurze, schnelle Erklärungen allseits beliebt und zum Überstülpen - über was oder wen auch immer - einsatzbereit. Das Verhüterlie für das zu genaue Hinschauen, sozusagen.

Daraus ergibt sich etwas, das unterschwellig sein destruktives und entfremdendes Werk verrichtet. Ich muss dabei immer an einen Spruch denken. Die größte List des Teufels, ist es, Glauben zu machen, dass es ihn nicht gäbe. Und natürlich steckt der Teufel im Detail. Deutlich machen kann man dieses teuflische Detail vielleicht mit einem kleinen Beispiel.

Hier zwei Sätze, die man einfach einmal getrennt auf sich wirken lässt und ins Innen lauscht, ob es einen Unterschied in der Wirkung gibt. Eine Differenz im inneren Nachhall.

1. Sie hat eine generalisierte Phobie.

2. Sie hat Angst vor allem und jedem.


Und selbst wenn das Echo nicht differiert. Bei welchen Satz würde man zuerst spontan nachfragen (wollen)? Sich menschlich angesprochen fühlen oder helfende Impulse verspüren?

Sprache ist eine zweischneidige und scharfe Klinge. Und psychologisierende Sprache ist ein Damoklesschwert, das immer dann herab saust, wird sie in zu leichtfertiger, inflationärer Weise angewendet. Dieses Schwert trennt das Warum von dem Weil. Das Was von dem Weshalb. Der Stundensatz beträgt 99,78 Euro - nicht verhandelbar. Die Diagnose wurde gestellt. Der Nächste bitte.

Dieses Werkzeug, diese Terminologie, die eigentlich erschaffen wurde, um grobe Voreinteilungen vornehmen zu können, mit was man es am Ende zu tun bekommen / haben könnte. Was im Zuge der genaueren Untersuchung immer weiter einzugrenzen und zu verifizieren ist. Sie ist Teil der Alltagssprache geworden und hat innerhalb dieser ihre Funktion reformiert. Und nicht zum Besseren, wie ich finde. Da diese Reformation darin besteht, dass es nicht mehr um eine grobe Einordnung mit anschließender Feinabstimmung geht. Sondern um eine - nicht minder grobe - Aburteilung.

Ist halt ein perverser Psycho(path). Eine Heulsuse (Depressiver). Ein Verlierer (Dependenter), ein Berufsopfer (variable Diagnose bitte einfügen). Einfach nur peinlich (Histrionisch). Fertig. Abgeurteilt wird hier nicht der Mensch als solches, für den sich eh nur noch am Rande interessiert wird; wenn er Glück hat. Sondern (oft beliebig) zugeordnete (Standard-)Attribute, deren verinnerlichte Konnotationen das Fallbeil stellen, mit dem sekundenschnell gerichtet wird. Super. Das ging ja fix (und so unkompliziert und treffend). Effizienz im Zwischenmenschlichen. Es mag bitter klingen. Der Grund ist, ich erlebte das ziemlich häufig, wenn ich Menschen befragte, um eine Situation einschätzen zu können. Es interessiert sich niemand dafür, warum der böse Sadist tut was er tat. Hauptsache er landet da, wo er hingehört. Er hat sich schließlich nicht im Griff. (Manche dieser "Sadisten" sind gerade mal etwas über 10 Jahre alt.) Man weiß ja, wo das endet. Der schändet sicher irgendwann auch kleine Kinder.

Und dann die Menschen, die professionell mit solchen Bösewichten arbeiten. Mit den ganzen Psychos, Verklappsten, Perversen, Kaputten, denen kommt latent die Rolle eines Scharfrichters im Mittelalter zu. Mach die schmutzige Arbeit, einer muss sie tun, aber wohne bitte vor den Toren der Stadt. Wir achten dich, aber komm uns nicht zu nahe. Diese Leute, die mit den Schmuddelkindern der Gesellschaft befasst sind, sie sind ja auch irgendwie unheimlich (und womöglich selber nicht ganz dicht). Sie könnten eventuell das tun, was so überhaupt nicht mehr gefragt zu sein scheint. Nämlich das Nachfragen, was all die Anderen, die Sauberen und Anständigen, mit den Schmuddelkindern gemein haben könnten? Wie viel Sadist steckt in Herr Müller, spricht er drei Tage lang kein Wort mit seiner Frau? Wie viel Narzissmus steckt in all den Selfies? Wie viel Psychopathie benötigt es, seinen Konkurrenten freundlich lächelnd aus dem Betrieb zu mobben?

Diese Psychotanten und Klapsdoktoren, sie könnten die Verbindung herstellen, zwischen dem Menschen und dem Unmenschlichen. Deshalb gibt es Vorbehalte. Und auch die werden nicht thematisiert. Sie gehören zum großen WEIL, das niemand mehr genauer untersuchen will, weil es doch das wundervoll einfache WAS gibt. Es ist - WAS? Na - DAS (Krankheitsbild) - schnipp, ab ins Album. Womöglich noch bei Facebook, Twitter und Konsorten ausgestellt. Ein bisschen Psycho ist schließlich wie ein besonders schillerndes Federlein im Pfauenrad.

Ich erlebe unsere Gesellschaft als sehr außenorientiert. Sehr angstbesetzt. Weil diese Außenorientierung so viel Fremdheit erzeugt. Es geht nicht mehr um das Finden von Gemeinsamkeit, sondern um das sich einerseits Darstellen, als möglichst einzigartig, und - im Gegenzug - dem sich Abgrenzen, von all dem vermeintlichen Schmuddel. Denn die Selbstdarstellung soll nur Makel aufweisen, die die Einzigartigkeit in einer Form unterstreichen, dass man damit dennoch nicht ins Abseits gerät. Abgrenzung - von den Populisten, den Umweltsündern, den Klimaleugnern, den Covidioten, Verschwörungstheoretikern, den Fleisch(fr)essern, den Sexisten, Rassisten, Homophoben, Tierquälern oder Zoophilisten, Pädophilen, Notzüchtlern ..und eben allem, was als unanständig und damit nicht konsensfähig gilt. So etwas macht sich nicht gut in den sozialen Medien, die sehr schnell, sehr asozial werden können, gesteht jemand dort ein, süße Welpen zu misshandeln. (Da reicht schon ein Klaps für den Welpen zu einem Shitstorm.)

Warum er das tut und ob man ihm helfen könnte (und damit womöglich noch jeder Menge süßer Welpen, die dann nicht mehr leiden müssten), ist irrelevant. Hängt ihn höher! Und dann hagelt es wüste Beschimpfungen und Laiendiagnosen. Party on. Wieder ein Psycho enttarnt. Übergebt ihn an den Doktor Scharfrichter. (Oder wir verabreden uns und fahren ihn gemeinsam verprügeln. Danach dann noch lecker essen im Steakhaus. Ein Rind ist schließlich kein Welpe.) Der Psychodoc biegt ihn wieder hin oder zieht ihn nachhaltig aus dem Verkehr, oder beides. Ich frage mich dabei öfter, was solche Leute von besagtem Doktor halten würden, wüssten sie, dass er, sollte er wirklich einen Zugang zu dem Betreffenden finden wollen, sich diesem ähnlich machen muss? Er den Sadisten, den Mörder, den Kinderschänder, Pferderipper.. versuchen wird nachzuvollziehen. Er das Menschliche versuchen wird, das immer und in allem steckt, zu entdecken und damit die eigentliche Motivation, die eigentliche Triebkraft. Das Eigentliche. Den Grund und den Antrieb, für viele tote, geschändete, gequälte Kreaturen. Und dieser Grund hat sehr viel mit uns allen zu tun. Mit der Art, wie wir leben. Der Art, wie wir miteinander umgehen. Ganz besonders mit den Schmuddelkindern. Mit den Psychos. Die das Symptom sind, für unser aller Krankheit. Unser uns (selbst) Fremdsein.

All diese vermeintlich so schrecklichen Dinge, sie sind das sich manifestierende Fremde, mit dem der als Psycho Geschmähte allein gelassen wurde und von dem er weiß, dass, ganz egal wo er damit hingeht, er Schimpf und Schande erfahren wird. "Seins" ist nicht konsensfähig. Nicht annehmbar. Nicht liebenswert. Keinesfalls! Also verbirgt er es in sich. Verleugnet es und sucht es zu begraben. Verschließt jegliches Ventil, jeglichen Zugang zum Außen (der eine Hilfe ermöglichen würde) und taucht nur gelegentlich ein, in eine Welt, die er sonst verborgen hält. Wäre das nicht mehr nötig, so würde das die Wahrscheinlichkeit enorm erhöhen, dass die gelegentlich auftretenden Ausbrüche, wie Amokläufe oder Serienmorde, Familiendramen u. ä. m. sich deutlich reduzieren ließen.

Aber wer will das schon? Ist es doch so schrecklich schön, sich zu entsetzen und sich erhaben fühlen zu dürfen, über "sowas". :roll:

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Louise

Re: Von psychologisierenden Etikettierungen

Beitrag von Louise »

MinaHarkness hat geschrieben: 27. Jul 2021, 15:46Abgrenzung - von den Populisten, den Umweltsündern, den Klimaleugnern, den Covidioten, Verschwörungstheoretikern, den Fleisch(fr)essern, den Sexisten, Rassisten, Homophoben, Tierquälern oder Zoophilisten, Pädophilen, Notzüchtlern ..und eben allem, was als unanständig und damit nicht konsensfähig gilt. So etwas macht sich nicht gut in den sozialen Medien, die sehr schnell, sehr asozial werden können, gesteht jemand dort ein, süße Welpen zu misshandeln. (Da reicht schon ein Klaps für den Welpen zu einem Shitstorm.)
Das Gefühl habe ich auch. Irgendwie scheint Abgrenzung wichtig zu sein. Und um jeden Preis "moralisch besser" zu sein hoch im Kurs zu stehen. Letztendlich geht es aber vor allem darum sich damit dann auch zu präsentieren, weniger darum was dahinter steckt.
Warum er das tut und ob man ihm helfen könnte (und damit womöglich noch jeder Menge süßer Welpen, die dann nicht mehr leiden müssten), ist irrelevant. Hängt ihn höher! Und dann hagelt es wüste Beschimpfungen und Laiendiagnosen. Party on. Wieder ein Psycho enttarnt.
Finde ich auch richtig schlimm. Kann mir das nur damit erklären, dass Leute sich gerne besser fühlen wollen, in Abgrenzung zu anderen. Hast du noch eine andere Erklärung?
Übergebt ihn an den Doktor Scharfrichter. (Oder wir verabreden uns und fahren ihn gemeinsam verprügeln. Danach dann noch lecker essen im Steakhaus. Ein Rind ist schließlich kein Welpe.)
Auch ein gutes Beispiel. Irgendwie habe ich sogar das Gefühl, bei leidenden Hunden und Katzen gehen die Leute stärker auf die Barrikaden, als nicht nur bei anderen Tieren, sondern auch als bei leidenden Menschen! Kommt mir das nur so vor? Woran kann das liegen?
Das Eigentliche. Den Grund und den Antrieb, für viele tote, geschändete, gequälte Kreaturen. Und dieser Grund hat sehr viel mit uns allen zu tun. Mit der Art, wie wir leben. Der Art, wie wir miteinander umgehen. Ganz besonders mit den Schmuddelkindern. Mit den Psychos. Die das Symptom sind, für unser aller Krankheit. Unser uns (selbst) Fremdsein.
Danke, leider kann ich hier keine einzelnen Passagen liken, daher so.
All diese vermeintlich so schrecklichen Dinge, sie sind das sich manifestierende Fremde, mit dem der als Psycho Geschmähte allein gelassen wurde und von dem er weiß, dass, ganz egal wo er damit hingeht, er Schimpf und Schande erfahren wird. "Seins" ist nicht konsensfähig. Nicht annehmbar. Nicht liebenswert. Keinesfalls! Also verbirgt er es in sich. Verleugnet es und sucht es zu begraben. Verschließt jegliches Ventil, jeglichen Zugang zum Außen (der eine Hilfe ermöglichen würde) und taucht nur gelegentlich ein, in eine Welt, die er sonst verborgen hält. Wäre das nicht mehr nötig, so würde das die Wahrscheinlichkeit enorm erhöhen, dass die gelegentlich auftretenden Ausbrüche, wie Amokläufe oder Serienmorde, Familiendramen u. ä. m. sich deutlich reduzieren ließen.
Danke.
Aber wer will das schon? Ist es doch so schrecklich schön, sich zu entsetzen und sich erhaben fühlen zu dürfen, über "sowas". :roll:
Genau, man kann sich so schön besser fühlen. Hat irgendwie auch etwas von blindem Aktionismus und ich werde es nie verstehen.

(Ich hoffe ich habe deinen Beitrag jetzt nicht verhunzt und zerpflückt, aber ich habe die für mich am wichtigsten Passagen, bei denen ich so gerne laut JA! geschrien hätte mal rauszitiert.)

Danke für diesen Beitrag!
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Re: Von psychologisierenden Etikettierungen

Beitrag von MinaHarkness »

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Louise hat geschrieben: 27. Jul 2021, 18:58 Das Gefühl habe ich auch. Irgendwie scheint Abgrenzung wichtig zu sein. Und um jeden Preis "moralisch besser" zu sein hoch im Kurs zu stehen. Letztendlich geht es aber vor allem darum sich damit dann auch zu präsentieren, weniger darum was dahinter steckt.
Huhu Louise..
das erinnert mich an ein Thema über Empathie (bei dem wir dann auch schlussendlich bei der Moral landeten), das am Ursprungsort nun gelöscht ist, das ich jedoch hier noch auf der Patte habe. Vielleicht erstelle ich das Thema hier dann neu. Kopiere vorerst jedoch erst einmal das hierher, was ich, exakt passend zu Deiner Anmerkung, bezüglich dem Thema "Moral" postuliert hatte:

" Wir landen also beim klassischen Gutmenschentum versus denjenigen, die aufrichtig empfinden. Ein Gutmensch, das ist nach meinem Dafürhalten eine Person, die ihr "gutes Handeln" instrumentalisiert, um ein Bild von sich zu erschaffen. Die "gute Handlung" hat nicht den Sinn und Zweck tatsächlich Gutes zu bewirken, sondern sie soll gut aussehen, das ist der eigentliche Sinn dahinter. Erkennen kann man solche Handlungen, mehr Attitüde als Hilfe, im Grunde recht einfach; und zwar daran, dass sich um die Konsequenzen der betreffenden Handlung offensichtlich kaum Gedanken gemacht werden. Es geht um die Selbstdarstellung, die Profilierung, in genau jenem Moment. Mit den Folgen dieser Art Selbstdarstellung, damit mögen sich andere befassen, oft die, die es dann trifft. In der Politik ist das allgegenwärtig. Vollmundige Versprechungen, "zum Wohle des Planeten", z. B..

Dass das für viele Menschen Armut und Probleme mit sich bringt, das ist nicht Problem desjenigen, der sich da öffentlichkeitswirksam als empathischer Wohltäter der nächsten Generationen in Szene setzt. Nach mir (der Legislaturperiode) die Sintflut, während proklamiert wird, die Zukunft schützen zu wollen. Das ist Bigotterie, die ich untrennbar mit Gutmenschentum verbinde. Oder die Migrationspolitik. Lautes Humanismusgedröhne, alle Menschen sollen kommen dürfen. Was dann aus denen hier wird, das sollen dann andere Instanzen regeln. Man merkt nur zu deutlich, dass es nur um Statements geht, nicht um die Übernahme von Verantwortung, die landet dann woanders, zur Not bei den Strafverfolgungsbehörden, wenn die desillusionierten und allein gelassenen Migranten straffällig werden, weil sie keine Perspektiven sehen. Aber Hauptsache man konnte sich als Menschenfreund präsentieren, wider der bösen Rechten. Und rechts ist erst einmal alles, was auf die Verantwortung und deren Folgen hinweist. So entstehen die Gräben zwischen Ideologien. Und alle Seiten meinen, je mehr (moralisch einwandfreie) Empathie sie heucheln, um so glaubwürdiger würde das Ganze."
Warum er das tut und ob man ihm helfen könnte (und damit womöglich noch jeder Menge süßer Welpen, die dann nicht mehr leiden müssten), ist irrelevant. Hängt ihn höher! Und dann hagelt es wüste Beschimpfungen und Laiendiagnosen. Party on. Wieder ein Psycho enttarnt.
Finde ich auch richtig schlimm. Kann mir das nur damit erklären, dass Leute sich gerne besser fühlen wollen, in Abgrenzung zu anderen. Hast du noch eine andere Erklärung?

Ja. >>> Gerade eben postuliert. <<<

Entsprechende Abschnitte: Es spielen verschiedene Faktoren mit hinein. (Anm. d. A. : In die Stigmatisierung und dadurch Selbsterhebung.) Da ist die Projektion, in Verbindung mit der Negation, als Abwehrmechanismus dessen, was einen derartigen Schaden im eigenen Selbstbild verursache würde, dass es ins Außen verlagert wird. Die Psyche ist nicht darauf ausgelegt, sich selbst zu hassen. Sie wird immer versuchen, das zu umgehen. Das Problem ist, dass die Indoktrination (das Einschwören auf gewisse Werte / Dogmen) und die Introjektion (das Verinnerlichen dieser Werte), dazu führen, dass Kinder, deren Eltern ihnen verquere, strikte und / oder zu rigide (bis lieblose) Moralvorstellungen implantierten, es nicht mehr ertragen können, "das Böse in sich" selbst anzunehmen. Das führt dann dazu, dass es ins Außen projiziert werden muss. Ganze Pogrome fußen auf diesem Umstand; und nicht nur diese.

Ich denke, dass Diagnosestellung mittlerweile ein zweischneidiges Schwert ist, welches noch geschärft wird, durch die Möglichkeiten des Internets. Jeder kann diverse Diagnosen googeln und dann mit dem Verhalten seiner Mitmenschen abgleichen. Was dabei heraus kommt, spottet oft jeder Beschreibung. Ganz besonders dann, wenn der in dieser Weise Diagnostizierte dem Diagnostizierenden unsympathisch ist; aus welchen Gründen auch immer. Andererseits wünschen Leute sich oftmals eine Diagnosestellung als Orientierungspunkt für sich selbst, was an sich ganz gut ist. So können sie z. B. auch gezielter nach Hilfsangeboten suchen. Problematisch wird es, wenn sich derjenige dann selbst auf diese Diagnose reduziert. Er ist dann auf einmal "ein Borderliner" oder "ein Depressiver" o. ä. m.. Wenn dann noch das Umfeld in diesen Tenor mit einfällt, dann bleibt kaum noch Raum für den Menschen jenseits der Diagnose.

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Alle diese Dinge spielen ineinander, korrelieren und verschärfen sich gegenseitig.
Auch ein gutes Beispiel. Irgendwie habe ich sogar das Gefühl, bei leidenden Hunden und Katzen gehen die Leute stärker auf die Barrikaden, als nicht nur bei anderen Tieren, sondern auch als bei leidenden Menschen! Kommt mir das nur so vor? Woran kann das liegen?
Latenter Selbsthass. Auf sich persönlich und die eigene Spezies.

Genau, man kann sich so schön besser fühlen. Hat irgendwie auch etwas von blindem Aktionismus und ich werde es nie verstehen.
Siehe oben. Ich denke, dass das sehr viel mit Selbsthass korreliert. Eigene, latent im Innen abgelehnte Anteile, werden im Außen erbittert bekämpft.

(Ich hoffe ich habe deinen Beitrag jetzt nicht verhunzt und zerpflückt, aber ich habe die für mich am wichtigsten Passagen, bei denen ich so gerne laut JA! geschrien hätte mal rauszitiert.)

Keineswegs! :hdl: Ich bin dankbar für Feedback (und dafür, wenn sich jemand die Zeit zum Lesen und Antworten nimmt).

LG Mina
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Re: Von psychologisierenden Etikettierungen

Beitrag von Louise »

MinaHarkness hat geschrieben: 29. Jul 2021, 11:50" Wir landen also beim klassischen Gutmenschentum versus denjenigen, die aufrichtig empfinden. Ein Gutmensch, das ist nach meinem Dafürhalten eine Person, die ihr "gutes Handeln" instrumentalisiert, um ein Bild von sich zu erschaffen. Die "gute Handlung" hat nicht den Sinn und Zweck tatsächlich Gutes zu bewirken, sondern sie soll gut aussehen, das ist der eigentliche Sinn dahinter. Erkennen kann man solche Handlungen, mehr Attitüde als Hilfe, im Grunde recht einfach; und zwar daran, dass sich um die Konsequenzen der betreffenden Handlung offensichtlich kaum Gedanken gemacht werden. Es geht um die Selbstdarstellung, die Profilierung, in genau jenem Moment. Mit den Folgen dieser Art Selbstdarstellung, damit mögen sich andere befassen, oft die, die es dann trifft. In der Politik ist das allgegenwärtig. Vollmundige Versprechungen, "zum Wohle des Planeten", z. B..

Dass das für viele Menschen Armut und Probleme mit sich bringt, das ist nicht Problem desjenigen, der sich da öffentlichkeitswirksam als empathischer Wohltäter der nächsten Generationen in Szene setzt. Nach mir (der Legislaturperiode) die Sintflut, während proklamiert wird, die Zukunft schützen zu wollen. Das ist Bigotterie, die ich untrennbar mit Gutmenschentum verbinde. Oder die Migrationspolitik. Lautes Humanismusgedröhne, alle Menschen sollen kommen dürfen. Was dann aus denen hier wird, das sollen dann andere Instanzen regeln. Man merkt nur zu deutlich, dass es nur um Statements geht, nicht um die Übernahme von Verantwortung, die landet dann woanders, zur Not bei den Strafverfolgungsbehörden, wenn die desillusionierten und allein gelassenen Migranten straffällig werden, weil sie keine Perspektiven sehen. Aber Hauptsache man konnte sich als Menschenfreund präsentieren, wider der bösen Rechten. Und rechts ist erst einmal alles, was auf die Verantwortung und deren Folgen hinweist. So entstehen die Gräben zwischen Ideologien. Und alle Seiten meinen, je mehr (moralisch einwandfreie) Empathie sie heucheln, um so glaubwürdiger würde das Ganze."
Ja, das trifft so ziemlich auch meine Einschätzung. Das mit dem Umwelt-/Klimaschutz kam vor kurzem noch als Diskussion auf. Wie auch immer man dazu stehen mag, soll hier gar nicht Thema sein. Ich schrieb, dass mir persönlich Leute lieber sind, die sagen, "ich habe keine Lust auf Klimaschutz, ich bin dafür zu faul/egoistisch/indifferent (was auch immer)", als Menschen, die sich selbst in den höchsten Tönen loben, was sie alles tun, aber nicht überprüfen ob es nun wirklich sinnvoll ist. Dafür wurde ich ziemlich angefeindet :D Interessanterweise von beiden Seiten, also sowohl von der Öko-Seite als auch von der eher konservativ/rechten Seite. Gerne wird auch mit dem Finger auf andere gezeigt "die sollen erstmal ..., bevor ich ...". "Wer kritisiert muss auch Lösungen liefern!" Na, wenn die mal wüssten wie das in der Wissenschaft läuft :lol:

(Ich stelle mir gerade vor wie Forscher A zu Forscher B sagt: "Ich habe festgestellt dein Medikament hilft nicht gegen Virus XY. Es ist aber schlecht für die Nieren." B erwidert: "Wie kannst du soetwas sagen, du hast doch auch kein besseres Medikament entwickelt. Bring mir eins das wirkt, ansonsten vertreiben wir meins als Heilmittel weiter!" :grin: )
dass Kinder, deren Eltern ihnen verquere, strikte und / oder zu rigide (bis lieblose) Moralvorstellungen implantierten, es nicht mehr ertragen können, "das Böse in sich" selbst anzunehmen. Das führt dann dazu, dass es ins Außen projiziert werden muss. Ganze Pogrome fußen auf diesem Umstand; und nicht nur diese.
Das ist sehr interessant. Ich muss den anderen Thread noch lesen, komme nicht so schnell hinterher ;)
Jeder kann diverse Diagnosen googeln und dann mit dem Verhalten seiner Mitmenschen abgleichen. Was dabei heraus kommt, spottet oft jeder Beschreibung. Ganz besonders dann, wenn der in dieser Weise Diagnostizierte dem Diagnostizierenden unsympathisch ist
Ja ist mir auch schon aufgefallen. Eine Zeitlang war es Borderline, gerade ist es Narzissmus. Ich denke einfach gewisse Anteile hat jeder. Ich habe beispielsweise definitiv bei mir schon narzisstische Anteile oder Verhaltensweisen ausgemacht. Ist aber noch lange keine NPS. Auch habe ich starke emotional-instabile Anteile, in meiner Jugend gab es sogar eine Verdachtsdiagnose auf Borderline. Trotzdem habe ich keine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, das wurde in mehreren späteren Therapien bestätigt und auch nachdem ich mich in das Thema eingelesen habe, bin ich mir da recht sicher. Irgendwie wollen die Leute das mit den Anteilen aber nicht verstehen. Gerade das Eingestehen narzisstischer Anteile ist natürlich nicht unbedingt angenehm.
Problematisch wird es, wenn sich derjenige dann selbst auf diese Diagnose reduziert. Er ist dann auf einmal "ein Borderliner" oder "ein Depressiver" o. ä. m.. Wenn dann noch das Umfeld in diesen Tenor mit einfällt, dann bleibt kaum noch Raum für den Menschen jenseits der Diagnose.
Auch das habe ich selbst schon erlebt. Aber was willste machen, Leute wollen auch Antibiotika bei einem viralen Infekt. Aufklärung ist unheimlich schwierig.
Latenter Selbsthass. Auf sich persönlich und die eigene Spezies.
Meinst du? Na ja, wahrscheinlich. Gepaart mit dem Überlegenheitsgefühl ein Befürworter der Rettung niedlicher Hunde- und Katzenbabys zu sein :D
Eigene, latent im Innen abgelehnte Anteile, werden im Außen erbittert bekämpft.
Muss ich mich unbedingt mal mehr mit beschäftigen. Auch um mich selbst besser zu verstehen, denn ich glaube ganz frei davon bin ich auch nicht. Ist wahrscheinlich niemand.

Danke für den Input!

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Re: Von psychologisierenden Etikettierungen

Beitrag von MinaHarkness »

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Grüß Dich Louise..
Louise hat geschrieben: 29. Jul 2021, 21:19Ja, das trifft so ziemlich auch meine Einschätzung. Das mit dem Umwelt-/Klimaschutz kam vor kurzem noch als Diskussion auf. Wie auch immer man dazu stehen mag, soll hier gar nicht Thema sein. Ich schrieb, dass mir persönlich Leute lieber sind, die sagen, "ich habe keine Lust auf Klimaschutz, ich bin dafür zu faul/egoistisch/indifferent (was auch immer)", als Menschen, die sich selbst in den höchsten Tönen loben, was sie alles tun, aber nicht überprüfen ob es nun wirklich sinnvoll ist.
Das eigentliche Problem, das ich bei solchen (mAn bigotten) Attitüden sehe, ist der damit oft einhergehende, wenig durchdachte, blinde Aktionismus. Gerade auf dem politischen Parkett geht es darum, möglichst schnell zu punkten und so werden Beschlüsse im Schnellschussverfahren durchgeprügelt, deren Konsequenzen sich oft sogar noch nachteilig auf das auswirken, dem sie angeblich dienen sollen.

1. Beispiel Windräder. Enorme Ressourcen zum Aufbau und zur Entsorgung (über die wohlweislich kaum gesprochen wird). Immer mehr massive Umweltschäden an den Aufstellungsorten, die erst nach und nach sichtbar werden. Zu geringe Energieproduktion (nicht nur in Punkto Kosten-Nutzen-Relation), so dass aus dem Ausland zugekauft werden muss.

2. Beispiel E-Mobilität. Alleine das Verschrotten und neu Fertigen aller benötigten KFZ (selbst wenn der ÖPNV ausgebaut wird, bleibt Bedarf) ist ein ungeheurer Ressourcenfresser. Der Strombedarf wurde falsch berechnet und befeuert somit Beispiel 1. Es hängen ganze Lieferketten und damit Arbeitsplätze an der Fertigung des Verbrenners. Was mit Landmaschinen und LKW geschehen soll (schwere, leistungsstarke Diesel) ist noch nicht einmal im Ansatz Thema gewesen.

Diese Liste ließe sich schier endlos und beliebig fortsetzen. Ich habe nichts gegen Innovation. Allerdings muss diese auch umsetzbar sein, ohne dabei ganze Bevölkerungsschichten zu ruinieren und der Umwelt / dem Klima, eine Riesenschaden zu zu fügen. Leider befeuert sich das Ganze gegenseitig. Hysterische Bürger / Wähler, verlangen hysterisch Änderungen, die dann in blindem Aktionismus gipfeln (im Fangversuch der Wählerstimmen) und wo dieser endet, das können wir noch gar nicht abschätzen.

Und wer das sagt, ist für die Hardliner der Ideologen von Hause aus Querdenker. :roll:
Dafür wurde ich ziemlich angefeindet :D Interessanterweise von beiden Seiten, also sowohl von der Öko-Seite als auch von der eher konservativ/rechten Seite. Gerne wird auch mit dem Finger auf andere gezeigt "die sollen erstmal ..., bevor ich ...". "Wer kritisiert muss auch Lösungen liefern!" Na, wenn die mal wüssten wie das in der Wissenschaft läuft :lol:
Genau das ist dieser Tenor, mit dem jegliche Kritik ausgehebelt werden soll, die daran erinnert, dass man mit den hehren Zielen dann auch leben muss, wenn die Konsequenzen fällig werden. Wenn man sich alleine mal die Kosten [Externer Link : bitte anmelden] anschaut, dann ahnt man, was dort zusammengestümpert wird; finanziert aus (leeren) Kassen. Denn für das Sanieren von Infrastruktur und die Zahlung fairer Renten reicht es dann nicht mehr. Deshalb wird auch das Eintrittsalter immer weiter nach hinten verlegt, während die Besteuerung schrittweise angehoben wird.
Ja ist mir auch schon aufgefallen. Eine Zeitlang war es Borderline, gerade ist es Narzissmus. Ich denke einfach gewisse Anteile hat jeder. Ich habe beispielsweise definitiv bei mir schon narzisstische Anteile oder Verhaltensweisen ausgemacht. Ist aber noch lange keine NPS. Auch habe ich starke emotional-instabile Anteile, in meiner Jugend gab es sogar eine Verdachtsdiagnose auf Borderline. Trotzdem habe ich keine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, das wurde in mehreren späteren Therapien bestätigt und auch nachdem ich mich in das Thema eingelesen habe, bin ich mir da recht sicher. Irgendwie wollen die Leute das mit den Anteilen aber nicht verstehen. Gerade das Eingestehen narzisstischer Anteile ist natürlich nicht unbedingt angenehm.
Richtig, sie wollen nicht. Nicht, sie könn(t)en nicht. Sie wollen nicht (mehr). Und nur deshalb funktioniert diese Art Informationspolitik, die ein massives mediales Framing beinhaltet, während Frau Merkel die [Externer Link : bitte anmelden] (attribute Framing). Einerseits soll jeder Stellung beziehen, aber wehe, man wird zu deutlich. Und zwischen all dem Wortsalat befinden sich die orientierungslosen Leute, die versuchen, sich noch halbwegs darin zurecht zu finden, während Mieten und Benzipreise steigen, Energiekosten explodieren und die Gurke auf einmal das Doppelte kostet.

Dann noch in autodidaktischer Haltung, zu eruieren, was genau damit gemeint ist, dass wir alle narzisstische und / oder instabile Anteile haben und dass das sogar richtig so, und ganz gesund ist, das ist neben der Frage, wie man den Alltag bestreiten soll, letztendlich vernachlässigbar. Aber es tut verflixt gut, wenn man mal auf den "Kranken" schimpfen kann, der einem letzthin auf den Geist ging. Das nimmt den Druck des Frustes etwas weg.

Brave new world ..

:?

LG Mina
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